Unter dem Ruhrgebiet liegt ein Netz. Die Steinkohlenkarte des Geologischen Dienstes Nordrhein-Westfalen verzeichnet 22.160 Flözlinien, und dieses Netz kippt nach Norden weg. Im Süden des Reviers lag die Kohle am Tag. Unter Recklinghausen liegt sie rund 480 Meter tiefer unter der Oberfläche als in Witten. Unsere neue Folge zeigt diesen Untergrund als 3D-Modell aus den amtlichen Daten. Und sie folgt einem Namen, der dieser schiefen Kohle fast zweihundert Jahre lang nachging, von einem Loch ohne Kohle bis zum letzten Stück, das in Deutschland gefördert wurde.
Ein Netz an der Karbonoberfläche
Die Karte im Maßstab 1:10.000 entstand in den Jahren 1949 bis 1954 und war schon damals als allgemeiner Überblick gedacht, nicht als Vermessung. Sie verzeichnet die Flöze, also die Kohleschichten selbst, dort, wo sie an die Oberkante des Steinkohlengebirges stoßen. Diese Oberkante nennen die Geologen Karbonoberfläche. Die Linien liegen also nicht an der Erdoberfläche, sondern darunter, im Süden fast am Tag, im Norden unter Hunderten Metern Gestein. In Nordrhein-Westfalen sind es 22.160 Linien, und 548 Flöze tragen einen Namen. Deshalb sprechen wir von Flözlinien und nicht von 22.160 Flözen.
Nicht jede Linie ist gleich gut belegt. In unserem engeren Ruhr-Ausschnitt liegen 19.756 Linien, davon gelten 5.512 als gesichert, 7.165 als konstruiert und 7.078 als projiziert. Das Modell zeigt die gesicherten kräftig, die konstruierten dünn und die projizierten gar nicht. Die Höhen sind fünfzehnfach überhöht, und wo die Karte endet, endet auch das Modell. Sumpfwald und Kreidemeer, die historischen Szenen mit Bergleuten und das Kohlestück von 2018 sind im Video KI-Bilder und im Bild gekennzeichnet. Die Menschen darin sind keine realen Personen. Die 3D-Fahrten dagegen sind eigene Animationen aus den amtlichen Daten.
Warum die Kohle nach Norden abtaucht
Die Kohle entstand vor mehr als 300 Millionen Jahren im Oberkarbon aus Sumpfwäldern, Schicht um Schicht begraben und zu Flözen gepresst. Später wurde das Gebirge gefaltet, gehoben und abgetragen und bekam dabei seine Neigung. In der Kreidezeit lagerte ein Meer über dem nördlichen Teil Mergel ab, bis zu 600 Meter mächtig. Die Bergleute nannten ihn Emschermergel. Er lässt kein Wasser durch und ist der wichtigste Teil des Deckgebirges, also der jüngeren Schichten über der Kohle. Der Geologische Dienst fasst es knapp zusammen. An der Ruhr tritt die Kohle zutage, nach Norden liegt immer mehr Deckgebirge darüber, und die Karbonoberfläche taucht flach nach Norden ab.
Auf der Karte liegt diese Fläche bei Witten und Hattingen bis zu 300 Meter über dem Meeresspiegel, bei Datteln fast 600 Meter darunter. Zusammen mit einem Geländemodell lässt sich berechnen, wie viel Gestein über der Kohle liegt. In Witten sind es etwa 10 Meter, in Essen und Bochum rund 30, in Gelsenkirchen 140, in Bottrop 260, in Recklinghausen 490 und in Datteln 640 Meter. Daher kommen die 480 Meter aus der Folge. Es sind gerundete Mittelwerte und eine Mindestangabe bis zur Kohle, über ein einzelnes Grundstück sagen sie nichts. Flach, sagen die Geologen. Für einen Bergmann sind 480 Meter nicht flach.
Kohle am Tag und ein Loch ohne Kohle
Im Muttental bei Witten beginnt die Geschichte. Soweit überliefert, wurde hier 1714 zum ersten Mal beantragt, Kohle aus einer Kohlenbank im Hettberger Holz zu fördern. Einen Schacht brauchte man nicht. Man trieb einen Stollen in den Hang, dorthin, wo die Flöze zutage traten, und holte die Kohle heraus wie aus einem Keller. Die Zeche Nachtigall, die daraus wurde, ging später selbst in die Tiefe, 1876 erreichte ihr Schacht Hercules 450 Meter.
Weiter im Norden war die Kohle unter dem Mergel verschwunden. Franz Haniel, 1779 geboren, war kein Bergmann, sondern Kaufmann in Ruhrort. Er vermutete, dass die Kohle unter dem Deckgebirge weitergeht, während viele Bergbaukundige seiner Zeit die nassen, kalkigen Schichten für kaum zu überwinden hielten. 1832 ließ Haniel südlich von Borbeck einen eigenen Schacht abteufen, den Schacht Franz. Im Spätsommer 1833 reichte er rund 54 Meter hinab, und Kohle war immer noch keine da. Das Geld war seins, und die Zweifler schienen recht zu behalten. Am 27. März 1834, nach 19 Monaten Arbeit, erreichte Haniel über einen Querschlag ein Flöz. Zwei Tage später nahm die Bergbehörde es in Augenschein. Die Kohle ging weiter, sie lag nur tiefer.
Der Kohle hinterher bis an die Lippe
Haniel ging weiter nach Norden. 1847 ließ er im Essener Norden den ersten Schacht der Zeche Zollverein abteufen. Anfangs baute man in 170 Metern Tiefe ab, 1908 waren es 600 Meter. Die Zechen wanderten der Kohle hinterher, Mitte des 19. Jahrhunderts an die Emscher und um 1900 über die Lippe, und jeder Schritt nach Norden führte weiter hinunter. Im Modell zeigen das Nadeln. Jede steht für einen von 1.199 Schächten und Stollen aus offenen Daten und reicht vom Gelände bis zur Karbonoberfläche. Sie zeigt also das Deckgebirge über der Kohle, nicht die Länge des Schachts, denn die kennen wir für die meisten nicht. Im Süden sind die Nadeln kurz, bei 305 Schächten fehlen bis zur Kohle keine 15 Meter. Im Norden werden sie lang, bei der Zeche Westfalen in Ahlen am Rand der Karte sind es fast 900 Meter.
Wie mühsam dieser Weg wurde, zeigt Marl. Am 14. Oktober 1899 beschloss ein Grubenvorstand, nordöstlich vom Dorf Marl die Schachtanlage Auguste Victoria zu bauen. Über dem Mergel lag hier noch Schwimmsand voller Wasser, und im September 1901 brach das Wasser ein. Man fror den Boden ein, um durchzukommen, 1905 begann die Förderung. An den ersten Schächten liegt die Karbonoberfläche laut Karte etwa 470 Meter unter dem Meeresspiegel. Laut Abschlussbetriebsplan lag die Wasserhaltung des Bergwerks am Ende bei 1.090 Metern unter dem Meeresspiegel. Am 18. Dezember 2015 übergab der Bergmann Thomas Hahn das letzte Stück Kohle von Auguste Victoria an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft.
Der Name am letzten Schacht
Franz Haniel starb 1868. Seine Nachfahren führten das Unternehmen weiter, aus dem die Gutehoffnungshütte wurde. 1921 begann diese Hütte bei Bottrop mit dem Abteufen einer neuen Zeche, und sie bekam den Namen der Familie, Zeche Franz Haniel. 1974 wurde sie mit den Prosper-Zechen zum Bergwerk Prosper-Haniel zusammengelegt. Der Schacht Prosper 10 reichte zuletzt 1.317 Meter hinab, so steht es in der amtlichen Chronik. Von 54 Metern ohne Kohle bis dorthin, das ist die Strecke dieses einen Namens.
Am 21. Dezember 2018 förderten sieben Bergleute an der Schachtanlage Franz Haniel in Bottrop das letzte Stück Steinkohle in Deutschland. Sie übergaben es symbolisch an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Das Stück wiegt sieben Kilo und hat etwa den Umfang eines großen Schuhkartons, im April 2019 kam es in sein Arbeitszimmer im Schloss Bellevue. Die Namen der sieben Männer nennt keine der offiziellen Quellen, deshalb nennen wir sie auch nicht. Die Schachtanlage aber, an der dieses letzte Stück zutage kam, trägt den Namen Franz Haniel, 184 Jahre nach dem Durchbruch durch den Mergel.
Selbst hinsehen
Den Anfang dieser Geschichte kann man betreten. Im LWL-Museum Zeche Nachtigall in Witten führt ein 130 Meter langer alter Stollen in den Berg. Das Museum hat dienstags bis sonntags geöffnet, der Stollen ist allerdings nicht barrierefrei. Das Ende kann man sehen, auf Zollverein in Essen, seit 2001 Welterbe, mit dem Doppelbock über Schacht XII. In Bochum steht das Deutsche Bergbau-Museum mit seinem grünen Fördergerüst. Das Anschauungsbergwerk darunter ist nachgebaut, in 20 Metern Tiefe, zeigt aber die Arbeit unter Tage. Öffnungszeiten bitte vor dem Besuch prüfen.
Alte Schächte und Stollen außerhalb dieser Museen sind Gefahrenstellen, auch wenn sie harmlos aussehen. Nicht betreten, Absperrungen beachten. Was dieser Untergrund bis heute für die Städte darüber bedeutet, erzählt unser Beitrag über die zweite Welt unter dem Ruhrgebiet. Welche Flözlinien, Schächte und Halden unter einem Ort im Revier verzeichnet sind und wie sicher jede Linie ist, zeigt die orecast-Karte. Wo nichts verzeichnet ist, zeigt sie nichts. Im Video siehst du die ganze Geschichte in dreizehn Minuten.
Häufige Fragen
Was ist eine Flözlinie?
Eine Flözlinie zeigt, wo ein Kohleflöz an die Karbonoberfläche stößt, also an die Oberkante des Steinkohlengebirges unter dem Deckgebirge. Die Steinkohlenkarte 1:10.000 des Geologischen Dienstes Nordrhein-Westfalen aus den Jahren 1949 bis 1954 verzeichnet 22.160 solcher Linien, 548 Flöze tragen einen Namen. Jede Linie ist als gesichert, konstruiert oder projiziert eingestuft. Die Karte war schon damals als allgemeiner Überblick gedacht, nicht als Vermessung.
Warum liegt die Kohle im Norden des Ruhrgebiets tiefer?
Das Steinkohlengebirge taucht flach nach Norden ab, und darüber liegt ein immer mächtigeres Deckgebirge, vor allem der Emschermergel aus der Kreidezeit. Im Süden, im Muttental bei Witten, trat die Kohle zutage. Unter Recklinghausen liegen nach der Karte des Geologischen Dienstes und einem Geländemodell rund 490 Meter Gestein über der Kohle, etwa 480 Meter mehr als in Witten. Deshalb zogen die Zechen über Generationen nach Norden und dabei immer weiter hinunter.
Wo wurde das letzte Stück deutscher Steinkohle gefördert?
Am 21. Dezember 2018 an der Schachtanlage Franz Haniel des Bergwerks Prosper-Haniel in Bottrop. Sieben Bergleute förderten es und übergaben es symbolisch an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Das Stück wiegt sieben Kilo, hat etwa den Umfang eines großen Schuhkartons und kam im April 2019 in sein Arbeitszimmer im Schloss Bellevue.
Wo kann man den Ruhrbergbau selbst erleben?
Im LWL-Museum Zeche Nachtigall in Witten führt ein 130 Meter langer alter Stollen in den Berg, das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, der Stollen ist nicht barrierefrei. Auf Zollverein in Essen steht der Doppelbock über Schacht XII. Das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum zeigt ein nachgebautes Anschauungsbergwerk in 20 Metern Tiefe. Zeiten bitte vor dem Besuch prüfen. Alte Schächte und Stollen außerhalb der Museen nie betreten.