Am 26. Juni 1899 brach in Leopoldshall bei Staßfurt über einem Salzbergwerk der Boden ein, 140 Meter im Durchmesser und 40 Meter tief. Unter der benachbarten Altstadt hatte man seit 1852 Salz abgebaut, und der Boden dort hat sich seit 1883 um mehr als sechs Meter gesenkt. Mehrere hundert Gebäude mussten weichen, darunter das Rathaus und die Stadtkirche. Wo der Marktplatz war, liegt heute ein See. Unsere neue Folge erzählt in gut 16 Minuten, wie es dazu kam und warum Staßfurt bis heute sinkt, obwohl seine ersten Gruben seit über hundert Jahren voll Wasser stehen.
Das Salz, das niemand haben wollte
Eine Saline ist in Staßfurt schon 1170 erwähnt. Eine Bohrung, die Steinsalz finden sollte, traf 1843 in knapp 250 Metern Teufe auf ein Salzlager. Teufe ist das Wort der Bergleute für Tiefe. Im Dezember 1851 begannen die Arbeiten an zwei Schächten, von der Heydt und von Manteuffel, und am 31. Januar 1852 wurde der Salzbergbau feierlich eröffnet. Diese beiden Schächte gelten als die ersten Kalischächte der Welt.
Als die Bergleute 1856 das Lager durchteuften, stießen sie über dem Steinsalz auf andere Salze, die niemand brauchte. Rund 600 Tonnen kippten sie als wertloses Abraumsalz auf die Halde. Im selben Jahr beschrieb der Chemiker Heinrich Rose eines dieser Salze und benannte es nach dem Bergrat von Carnall, der die Schächte vorgeschlagen hatte. Es heißt bis heute Carnallit und enthält Kalium. Adolph Frank, Chemiker einer Staßfurter Zuckerfabrik, fand einen Weg, es herauszuholen. 1861 bekam er sein Patent, im Oktober eröffnete er die erste Kalifabrik, und 1863 gab es in und um Staßfurt schon 18 solcher Fabriken. Bis heute werden rund neun von zehn Tonnen Kali zu Dünger.
Das Salz selbst stammt aus dem Zechsteinmeer, das vor gut 250 Millionen Jahren zwischen England und Polen verdunstete. Unter Staßfurt ist es zu einem Sattel aufgestiegen und liegt nah am Grundwasser. Und Salz löst sich in Wasser.
Der Boden gibt nach
Die ersten Warnzeichen kamen aus Leopoldshall, heute ein Teil von Staßfurt. Dort baute man ein reicheres Kalisalz ab, den Kainit, und zwar bis dicht unter die Oberkante des Salzes und mit zu schwachen Pfeilern. Ab 1878 brachen die Pfeiler, 1879 stürzte eine Abbaufläche von rund 20.000 Quadratmetern ein. Ab 1880 senkte sich auch über dem Grubenfeld der Altstadt die Oberfläche. Über Leopoldshall gab es von 1883 an Tagesbrüche, also Einstürze bis an die Oberfläche über einem Hohlraum des Bergbaus. Aus dem größten, dem von 1899, wurde später ein Freibad mit Salzwasser, das Strandsolbad.
Unter der Altstadt endete die Förderung 1893. Nach einem Fachgutachten von 2018 waren dort gut zwei Millionen Kubikmeter Hohlraum im Kaliflöz entstanden und gut eine Million im Steinsalz, zusammen nach unserer Rechnung gut drei Millionen Kubikmeter. Verfüllt wurde nur ein Teil. Um die Jahreswende 1899/1900 drang in Leopoldshall so viel Salzlösung ein, dass die Gruben im Frühjahr 1900 aufgegeben wurden. Im Mai 1900 erreichte das Wasser den Schacht von der Heydt, im Oktober wurden die Pumpen abgestellt.
Der 11. November 1901
Gefördert wurde trotzdem weiter, in neuen Schächten außerhalb der Altstadt. Am 11. November 1901 brach im Salzbergwerk Ludwig II nach einem Gebirgsschlag das Gestein herein. 17 Bergleute starben. Fünf waren Häuer, zwei Förderleute, und zehn waren Aushalter, junge Burschen zwischen 16 und 18 Jahren aus Staßfurt, Leopoldshall, Neundorf und Hecklingen. Auf dem Friedhof an der Hecklinger Straße steht für sie ein Gedenkstein mit ihren Namen. Die Inschrift lautet „Zum Gedächtnis der in Folge des Grubenunglücks am 11. Novbr. 1901 auf dem Salzbergwerke Ludwig II zu Tode gekommenen Bergleute.“ Die alten Bergleute der Stadt halten die Erinnerung bis heute wach.
Ein schiefer Turm und ein Festsaal unter Tage
Ab 1899 wurden rund um den Markt Häuser abgerissen. Mitten in der Senkung stand die Stadtkirche St. Johannis mit ihrem 60 Meter hohen Turm. Er neigte sich, bis er 4,65 Meter aus dem Lot stand, und man nannte ihn den Schiefen Turm von Staßfurt. Am 9. September 1906 wurde der letzte Gottesdienst gefeiert, später diente die Kirche als Scheune. Im Mai 1948 zündelten dort Kinder, und das Stroh fing Feuer. Den Turm trug man 1964/65 Stein für Stein ab, weil man ihn so nah an den Wohnhäusern nicht sprengen konnte. 1966 begann der Abriss des alten Rathauses.
Der Kalibergbau um Staßfurt endete erst am 31. Dezember 1972, danach wurden die letzten offenen Gruben geflutet. Mit ihnen ging ein Festsaal unter, der auf der Schachtanlage Berlepsch-Maybach rund 400 Meter tief lag, etwa 80 Meter lang und 10 Meter hoch. Dort hing seit 1934 ein Gemälde der heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. 1975 brach in Neustaßfurt die Erde auf 50.000 Quadratmetern ein, bis zu 34 Meter tief. Das Gelände ist bis heute Sperrgebiet.
Warum Staßfurt weiter sinkt
Die Gruben unter der Altstadt sind seit über hundert Jahren abgesoffen, und trotzdem sinkt die Stadt. Bund und Land haben das jahrelang untersucht, unter anderem mit Seismometern, die seit 1978 mithören. 2008 bohrten Forscher am Neumarkt bis ins alte Grubenfeld. Sie fanden intakte Pfeiler, weitgehend verfüllte Abbaue und keine großen Hohlräume dicht unter der Oberfläche. Die Senkung halten sie eher für eine Folge der Subrosion. So nennen Fachleute das langsame Auflösen von Salz durch Grundwasser in der Tiefe.
Seit 1907/09 pumpt die Stadt Grundwasser ab, nach einem Bericht von 2002 rund 700 Kubikmeter am Tag. Ohne die Pumpen stünden Teile der Innenstadt unter Wasser. Das Pumpen verstärkt aber die Subrosion. Staßfurt muss pumpen, um trocken zu bleiben, und hilft damit dem Boden beim Sinken. Das Landesamt misst am Neumarkt im langjährigen Mittel 2 bis 14,5 Millimeter im Jahr, zuletzt weniger, und hält einen Tagesbruch dort für sehr unwahrscheinlich.
Die Stadt hat aus der Senkung etwas gemacht, das man sehen kann. Sie räumte den tiefsten Teil und ließ das Grundwasser steigen. Das Konzept hieß „Aufheben der Mitte“. 2006 wurde der See eröffnet, und an seinem Ufer sind die Senkungslinien markiert. Ganz zu Ende ist die Geschichte nicht. Ein Forschungsbericht von 2002 rechnete damit, dass sich an der Bernburger Straße um 2050 eine weitere Wasserfläche bildet.
Was unsere Karte und unsere Bilder zeigen
In unseren Daten liegen im Umkreis von fünf Kilometern um die Stadtmitte 16 Schächte, in 15 Kilometern sind es 37. Das ist der Kartierstand von OpenStreetMap, nicht jeder Schacht, der je gegraben wurde. Die 3D-Szenen sind Schemata nach Gutachten und Fachliteratur. In der Senkungsszene ist die Höhe vierfach überhöht, in der Schachtszene das Gelände fünffach, und beides steht im Bild. Die Spielszenen mit Menschen, auch der Einbruch von 1899 am Anfang, sind mit KI erzeugt und als „KI-Rekonstruktion“ gekennzeichnet. Echt sind die alten Fotos und der Holzstich eines Einbruchs bei Leopoldshall aus der „Gartenlaube“ von 1884.
Selbst hinfahren
Ein Besuch beginnt am besten am Stadtsee, dessen Wasserspiegel zeigt, wo das Grundwasser hier von selbst stehen würde. Am Nordufer liegt der Kaligarten mit den Ansatzpunkten der beiden ersten Schächte und einem Bergmannsdenkmal von 1934. Südlich des Sees ist der Umriss des Kirchturms schräg in den Rasen gelegt, die Stadt nennt die Fläche den Heiligen Rasen. Das Stadt- und Bergbaumuseum im Salzgrafenhaus in der Pestalozzistraße 6 zeigt ein großes Bergwerksmodell aus dem 19. Jahrhundert und das Barbara-Gemälde aus dem Festsaal. Das Strandsolbad öffnet im Sommer. Öffnungszeiten bitte vorher prüfen.
Unter Tage kommt man in Staßfurt nicht mehr, alle Gruben sind abgesoffen oder geflutet. Das Gelände des Großtagesbruchs in Neustaßfurt ist Sperrgebiet, und auch alte Schachtanlagen und Bruchfelder betritt man nicht. Welche Schächte und Bergwerke rund um Staßfurt dokumentiert sind, zeigt dir die orecast-Karte, und im Video siehst du die ganze Geschichte in gut 16 Minuten.
Häufige Fragen
Warum sinkt Staßfurt bis heute?
Die Gruben unter der Altstadt sind seit über hundert Jahren abgesoffen, und eine Bohrung am Neumarkt fand 2008 intakte Pfeiler und keine großen Hohlräume dicht unter der Oberfläche. Die Forscher sehen die Senkung eher als Folge der Subrosion, also des langsamen Auflösens von Salz durch Grundwasser. Damit die Innenstadt trocken bleibt, pumpt die Stadt seit 1907/09 Grundwasser ab, und das verstärkt die Subrosion. Am Neumarkt misst das Landesamt im langjährigen Mittel 2 bis 14,5 Millimeter im Jahr, zuletzt weniger. Einen Tagesbruch hält es dort für sehr unwahrscheinlich.
Wo liegen die ersten Kalischächte der Welt?
Die Schächte von der Heydt und von Manteuffel in Staßfurt gelten als die ersten Kalischächte der Welt. Sie wurden ab Dezember 1851 abgeteuft und am 31. Januar 1852 feierlich eröffnet. 1856 stießen die Bergleute auf die Kalisalze, ab 1861 wurde Kali planmäßig gefördert. Die Ansatzpunkte der beiden Schächte liegen heute im Kaligarten am Nordufer des Stadtsees, rund 300 Meter von der Stadtmitte.
Was hat das Strandsolbad mit dem Bergbau zu tun?
Das Strandsolbad liegt in einem Tagesbruch vom 26. Juni 1899. Damals brach in Leopoldshall über einem Salzbergwerk der Boden ein, auf 140 Meter Durchmesser und 40 Meter tief. 1929 wurde dort ein Freibad mit Salzwasser eröffnet. Fachlich ist es ein Tagesbruch über einem Hohlraum des Bergbaus und kein Erdfall, der über einem natürlichen Hohlraum entsteht.
Was kann man in Staßfurt heute ansehen?
Am Stadtsee liegen der Kaligarten mit den Ansatzpunkten der ersten beiden Schächte und der Heilige Rasen mit dem schrägen Umriss des abgetragenen Kirchturms. Das Stadt- und Bergbaumuseum im Salzgrafenhaus, Pestalozzistraße 6, zeigt ein großes Bergwerksmodell und das Barbara-Gemälde aus dem früheren Festsaal unter Tage. Das Strandsolbad öffnet im Sommer. Öffnungszeiten bitte vorher prüfen. In die Gruben kommt man nicht mehr, sie sind alle abgesoffen oder geflutet.