2026-09-07

Unter diesen Städten arbeitet etwas, und im Jahr 2000 ist es passiert

In der Nacht zum 2. Januar 2000 gibt in Bochum-Wattenscheid eine Straße nach. Am Morgen sind drei Garagen samt Autos verschwunden, und an ihrer Stelle klafft ein Trichter von rund 40 Metern Tiefe. Niemand hat dort gegraben, und trotzdem ist dieses Loch von Menschen gemacht. Vier Jahre später öffnet sich in Siegen der Boden, 2010 in Schmalkalden. Unsere neue Folge erklärt, warum zwei dieser Löcher eine Vorgeschichte auf Papier haben und eines nicht. Dann zoomen wir nach Siegen, wo unsere Daten besonders viel alten Bergbau kennen.

Zwei Löcher mit hundert Jahren Anlauf

Die Emilstraße im Ortsteil Höntrop ist eine kleine Sackgasse mit Garagen. Als der Boden dort ohne Vorwarnung nachgab, entstanden zwei Krater mit zusammen rund 500 Quadratmetern. Der Krater von Wattenscheid gilt als einer der größten Tagesbrüche des Ruhrgebiets und war wochenlang bundesweit in den Nachrichten. Die Ursache lag im Jahr 1905, als die Zeche Vereinigte Maria Anna Steinbank schloss und ihr Schacht 4 verfüllt wurde. 95 Jahre später gab genau dieses Füllmaterial nach. Verletzt wurde niemand. Mehr dazu steht in unserem Beitrag über die zweite Welt unter dem Ruhrgebiet.

Im Februar 2004 traf es Siegen. Am Rosterberg, in der Gläserstraße, öffnete sich mitten im Wohngebiet ein Loch von rund zehn Metern Durchmesser, und eine ausgewachsene Birke verschwand vollständig darin. Fast hundert Menschen mussten ihre Häuser verlassen, ums Leben kam niemand. Die Ursache war die Grube Hohe Grethe, seit dem 17. Jahrhundert erwähnt, mit Kammern von bis zu achteinhalb Metern und im Jahr 1900 stillgelegt. Das Land zahlte rund vier Millionen Euro für Soforthilfe und die Sicherung des Untergrunds. Ein Fundbericht der LWL-Archäologie von 2014 über den Bergbau am Rosterberg trägt einen Titel, der das Motto der ganzen Folge sein könnte: „Vergessen bedeutet nicht verschwunden“.

Schmalkalden und die zweite Sorte Loch

Der dritte Fall passt nicht ins Muster. Am 1. November 2010 öffnete sich gegen drei Uhr nachts ein Krater in einem Wohngebiet von Schmalkalden in Thüringen. Das Loch wuchs auf rund 30 Meter Durchmesser und etwa zwölf Meter Tiefe und verschluckte ein Auto, Teile einer Garage und ein Stück Garten. 26 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, verletzt wurde niemand. Mit Bergbau hatte dieses Loch nichts zu tun. Im Untergrund liegt Sulfatgestein, das sich in Wasser langsam löst, bis die Decke eines natürlichen Hohlraums nicht mehr trägt. Rund 40.000 Kubikmeter Kies für etwa 270.000 Euro waren nötig, um das Loch zu füllen, und noch zehn Jahre später senkte sich der Boden dort weiter.

Damit gibt es zwei Sorten Loch. Ein Bergwerk lebt nur, solange Bergleute den Ausbau erneuern und das Wasser abpumpen. Nach der letzten Schicht faulen die Stempel, das Grubenwasser steigt, Decken brechen herein, und der Hohlraum wandert Jahrzehnt um Jahrzehnt nach oben, wie eine Luftblase im Honig. Erreicht er die Oberfläche, spricht der Bergmann von einem Tagesbruch, und oben kündigt sich das oft nicht an. Ein natürlicher Erdfall wie in Schmalkalden ist deutlich seltener, aber kaum vorherzusagen, und gegen ihn hilft auch die beste Karte nicht. Beim Bergbau ist das anders. Wo Menschen gegraben haben, wurde fast immer aufgeschrieben, wo genau. Viele dieser Orte sind heute in offenen Datenquellen erfasst, und die orecast-Karte trägt sie zusammen.

110 Punkte in einer einzigen Stadt

Zum Stand der Folge führte unsere Karte fast 26.000 Bergbau-Punkte mit Gefahrenmarkierung. Auf der Deutschlandkarte zeichnen sie das Ruhrgebiet, das Saarland, den Harz und das Erzgebirge nach, und erstaunlich dicht leuchtet das Siegerland. Eine Zählung aller alten Bergwerke in Deutschland ist das nicht, denn die Daten sind regional unterschiedlich dicht und enthalten auch Punkte aus Nachbarländern.

Allein innerhalb der Stadtgrenze von Siegen kennen unsere Daten 110 Stollen, Schächte und Gruben, und jeder dieser Punkte trägt eine Gefahrenmarkierung. 77 davon haben einen Namen, und manche klingen wie aus einem alten Buch, etwa Philipps Hoffnung, Grüner Löwe, Silberner Nagel oder Vereinigtes Bergmannsglück. Es sind allerdings keine 110 eigenständigen Bergwerke, sondern einzelne Punkte wie Mundlöcher, Schächte und Anlagenteile. Der Eisenzecher Zug etwa taucht dreimal auf. Dazu kommen im Stadtgebiet 44 Höhlen und 32 Geotope. Wie das aussieht, zeigt Siegen auf der orecast-Karte.

Kelten, Silber und eine Königin

Warum gerade hier? Die Antwort reicht gut zwei Jahrtausende zurück. Am südlichen Stadtrand von Siegen, in Niederschelden, haben Archäologen an der Fundstelle Gerhardsseifen eine komplette Werkstatt zur Eisenverhüttung ausgegraben. Sie stammt aus der mittleren bis späten Latènezeit, etwa von 300 vor Christus bis zur Zeitenwende. Dazu gehören eine Röstgrube, zwei kuppelförmige Rennöfen, eine Schlackenhalde und ein Schmiedeplatz, und das Deutsche Bergbau-Museum nennt die Erhaltung international einzigartig. Die keltischen Öfen gelten als die größten Rennöfen Mitteleuropas. Archäologische Experimente in den Jahren 2018 und 2019 zeigten, dass in ihnen Stahl entstand. Die Szenen an den Öfen folgen dem Grabungsbefund. Wie die Bilder aus den alten Gruben sind sie im Video gekennzeichnete KI-Rekonstruktionen, keine echten Aufnahmen.

1298 verlieh Adolf von Nassau den Ratzenscheid, ein Silberrevier vor den Toren der heutigen Stadt, an seine Vettern. Es ist die älteste bekannte Bergbau-Urkunde des Siegerlandes. In der Grube Landeskrone im benachbarten Wilnsdorf, einem Blei- und Silberbergwerk, lief um 1850 die älteste unter Tage betriebene Dampfmaschine des Siegerlandes.

Ihren berühmtesten Beinamen bekam eine Grube bei Eiserfeld schon 1789. Der Bergbeamte Johann Philipp Becher nannte die Eisenzeche dort die „Königin der Eisensteingruben“. Später wuchsen im Kesselborntal über 20 Gruben zum Eisenzecher Zug zusammen. Mit 1.343 Metern Endteufe, mehr als achtmal so tief, wie der Kölner Dom hoch ist, war er zeitweise, bis 1957, die tiefste Grube Europas. Am 29. Februar 1960, einem Schalttag, wurde er endgültig stillgelegt, und Anfang der Sechzigerjahre war mit dem Erzbergbau im Siegerland ganz Schluss. Geologen haben übrigens eine Stufe des Unterdevons nach der Stadt benannt, das Siegenium. Der Name ist regional, international heißt dieser Abschnitt heute anders. Fossilfundstellen kennen unsere Daten im Stadtgebiet dagegen keine einzige.

Wer heute aufpasst

Bergbehörden verwahren die alten Grubenrisse, bekannte Schächte werden regelmäßig kontrolliert, und wo ein Hohlraum verdächtig wird, rücken Bohrgeräte und Betonpumpen an. Zur Ehrlichkeit gehört auch, dass Tagesbrüche wie in Bochum oder Siegen seltene Ereignisse sind. Die allermeisten markierten Punkte auf unserer Karte werden nie zu einem Loch, und niemand muss deswegen schlecht schlafen. Zu wissen, wo sie liegen, hilft trotzdem.

Unter den 110 Einträgen steht auch ein Luftschutzstollen. Der zweite LWL-Fundbericht im Stadtgebiet beschreibt 2017 unter dem Titel „Flucht unter Tage“ einen Luftschutzstollen des Zweiten Weltkriegs in Siegen. Dazu kommen zwölf Bunker im Stadtgebiet, alle mit Gefahrenmarkierung. Über zwei Jahrtausende holten die Menschen hier Erz aus dem Berg, und in der dunkelsten Zeit suchten sie in ihm Schutz.

Sicher in den Berg

Alte Stollen und Schächte sind kein Abenteuerspielplatz. Wer im Wald ein Mundloch entdeckt, geht nicht hinein, denn die Gefahrenmarkierungen tragen ihren Namen zu Recht. Wer eine frische Absenkung im Boden bemerkt, hält Abstand und meldet sie. Archäologische Fundstellen wie Gerhardsseifen sind kein Ort zum Graben oder Sondeln.

Sicher hinein geht es in Siegen-Eiserfeld. Dort ist der Reinhold-Forster-Erbstolln seit dem 8. Oktober 1983 ein Besucherbergwerk. Der Stollen wurde ab 1805 aufgefahren und war der Hauptstollen des Eisenzecher Zugs, also der alten Königin selbst. Führungen auf den ersten 350 Metern gibt es von März bis November jeweils am ersten Sonntag im Monat. Termine bitte vor dem Besuch prüfen. Was rund um das Besucherbergwerk in Eiserfeld und in der Nähe deiner eigenen Straße dokumentiert ist, zeigt dir die orecast-Karte. Steht dein Haus auf altem Bergbau? Schreib uns deinen Stadtteil gern in die Kommentare unter dem Video.

Häufige Fragen

Was ist ein Tagesbruch?

Ein Tagesbruch entsteht, wenn ein Hohlraum aus altem Bergbau bis an die Oberfläche durchbricht. Nach dem Ende eines Bergwerks faulen die Holzstempel, das Grubenwasser steigt, und die Decke eines Hohlraums bricht nach und nach herein. So wandert der Hohlraum über Jahrzehnte nach oben, während sich an der Oberfläche oft nichts ankündigt. Bekannte Beispiele sind der Krater von Wattenscheid in Bochum im Jahr 2000 und das Siegener Loch von 2004.

Was unterscheidet einen Erdfall von einem Tagesbruch?

Ein Erdfall hat eine natürliche Ursache. Wo Gips oder anderes Sulfatgestein im Untergrund liegt, kann Wasser über lange Zeit Hohlräume lösen, die irgendwann einbrechen. So war es 2010 in Schmalkalden in Thüringen, wo kein Bergbau im Spiel war. Solche Erdfälle sind deutlich seltener, aber kaum vorherzusagen. Alter Bergbau ist dagegen meist auf Papier dokumentiert und lässt sich deshalb kartieren.

Was war das Siegener Loch?

Im Februar 2004 öffnete sich am Rosterberg in Siegen, in der Gläserstraße, ein Tagesbruch von rund zehn Metern Durchmesser. Eine Birke verschwand vollständig darin, und fast hundert Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Ursache war die Grube Hohe Grethe, die im Jahr 1900 stillgelegt worden war. Das Land zahlte rund vier Millionen Euro für Soforthilfe und die Sicherung des Untergrunds.

Kann man in Siegen ein altes Bergwerk besichtigen?

Ja, sicher geht das im Besucherbergwerk. Der Reinhold-Forster-Erbstolln in Siegen-Eiserfeld, der alte Hauptstollen des Eisenzecher Zugs, ist seit 1983 für Besucher geöffnet. Führungen auf den ersten 350 Metern gibt es von März bis November jeweils am ersten Sonntag im Monat. Termine bitte vorher prüfen. Andere alte Stollen und Schächte sollte man nie betreten.

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