2026-10-06

25.000 m² Keller unter Nürnberg: Hier lag 1945 die Kaiserkrone eingemauert

Wer durch die Nürnberger Altstadt geht, läuft über ein zweites Stockwerk der Stadt, das kaum jemand kennt. Unter der Kaiserburg und der nördlichen Altstadt liegen rund 25.000 Quadratmeter Felsenkeller. Sie reichen bis zu vier Stockwerke tief in den Fels, und ihre Gänge sind zusammen mehr als zwei Kilometer lang. Für unsere neue Folge haben wir dieses Labyrinth als 3D-Modell nachgebaut, so weit es überliefert ist, und erzählen, was darin geschehen ist. Es ist eine Geschichte über Bier und Kunst, über eine einzige Bombennacht und über eine Krone, die 1945 hinter einer Mauer lag.

Eine Bierverordnung von 1380

Nachgewiesen sind die Felsenkeller seit dem 14. Jahrhundert. Am 11. November 1380 beschloss der Rat der Stadt eine Regel, die den Untergrund dauerhaft veränderte. Wer Bier ausschenkte, brauchte einen eigenen Keller, „zehen schuch tieff und sechzehen schuch weit“, wie es in der Verordnung heißt. Ein Schuh ist ein altes Längenmaß von etwa einer Fußlänge. Der Grund war praktisch. Bier braucht Kühle, und unter der Erde bleibt die Temperatur das ganze Jahr über gleichmäßig niedrig. Also schlugen die Nürnberger ihre Keller mit Hammer und Meißel in mühevoller Handarbeit aus dem Fels, wie es die Museen der Stadt heute beschreiben.

Im Mittelalter gab es in Nürnberg bis zu 42 Brauereien. Jede brauchte ihren Felsenkeller, und jeder Keller wuchs ein Stück, Jahr für Jahr und Generation für Generation. Dass das überhaupt ging, liegt am Stein. Die Burg und die nördliche Altstadt stehen auf Burgsandstein. Er lässt sich von Hand bearbeiten, und trotzdem hält ein Gewölbe darin ohne Stütze. Wie tief man in diesen Stein vordringen kann, zeigt der Tiefe Brunnen der Kaiserburg. Sein Schacht führt rund fünfzig Meter senkrecht durch mehrere Schichten Sandstein und wurde wahrscheinlich schon im 11. oder 12. Jahrhundert gegraben. In den Kellern sorgen Luftschächte dafür, dass die Luft von selbst zirkuliert, und tief im Burgberg sammelten Stollen schon im 15. Jahrhundert Wasser für die Stadt.

Ein Bunker für das Unersetzliche

560 Jahre nach der Bierverordnung bekamen die Keller eine neue Aufgabe. Im Sommer 1940 ließ der Direktor des Germanischen Nationalmuseums einen Felsenkeller in der Oberen Schmiedgasse umbauen, mit Heizung, Lüftung und Entwässerung, bis zu 24 Meter unter der Burg. Hierher kam, was Nürnberg für unersetzlich hielt, darunter der Engelsgruß von Veit Stoß, der Erdglobus von Martin Behaim und Werke von Albrecht Dürer. Dazu kamen die Reichskleinodien, also Krone, Zepter, Reichsapfel und Schwerter des Heiligen Römischen Reiches.

Dass die Kleinodien überhaupt in Nürnberg lagen, hatte eine lange Vorgeschichte. Von 1424 bis 1796 hatte die Stadt sie schon einmal verwahrt, im Heilig-Geist-Spital und im Auftrag des Kaisers. Ein Privileg Kaiser Sigismunds von 1423 hatte ihr diese Aufgabe übertragen. Vor der französischen Armee brachte man die Kleinodien 1796 in Sicherheit, am Ende nach Wien. 1938 ließ Hitler sie zurück in die Stadt der Reichsparteitage holen und in der Katharinenkirche ausstellen.

In denselben Kellern lagerte auch ein Werk, das nicht hierher gehörte. Es war der Hochaltar von Veit Stoß aus der Krakauer Marienkirche, im besetzten Polen geraubt und für ein geplantes Museum Hitlers in Linz bestimmt.

Die Nacht vom 2. Januar 1945

Am Abend des 2. Januar 1945 heulten um 18.33 Uhr die Sirenen, um 19.20 Uhr fielen die ersten Bomben. Die britische Royal Air Force hatte 521 Flugzeuge für Nürnberg bestimmt. Um 20.24 Uhr kam die Entwarnung, und in weniger als einer Stunde war die Altstadt zerstört. Rund 2.000 mittelalterliche Häuser gingen verloren. Die Stadt Nürnberg nennt 1.835 namentlich bekannte Todesopfer, rund 100.000 Menschen wurden obdachlos.

Unter der brennenden Stadt saßen die Menschen in den alten Bierkellern. Im Krieg waren sie zu Räumen für den Luftschutz ausgebaut worden, angelegt für rund 20.000 Menschen. In dieser Nacht waren es schätzungsweise doppelt so viele. Ein Überlebender erinnerte sich später an den Moment, in dem er aus dem Keller hinauf ins Feuer kam. „Es war die Hölle“, sagte er. Dass in dieser Nacht nicht noch mehr Menschen starben, liegt auch an den Kellern, die ihre Vorfahren einmal für das Bier in den Fels geschlagen hatten. Die Kunstwerke im Bunker überstanden die Nacht ohne Schaden.

Die Krone hinter der Mauer

Ende März 1945 war der Krieg verloren, und die Front rückte näher. Über Ostern trafen Oberbürgermeister Willy Liebel und drei Männer aus der Stadtspitze eine Entscheidung. Krone, Reichsapfel, Zepter und Schwerter wurden in Kupferbehälter eingeschweißt und in einer versteckten Nische eingemauert. Das geschah nicht dort, wo die Kleinodien seit Jahren lagerten, sondern ein paar hundert Meter weiter östlich im Paniersbunker. Dort gab es seit 1943 eine zweite Kunstbergungsanlage. Das Datum wird in den Quellen verschieden angegeben, als 30. oder als 31. März, deshalb sprechen wir von Ostern.

Drei Wochen später, am 20. April 1945, nahmen amerikanische Truppen Nürnberg ein. Am selben Tag starb Willy Liebel in einem Bunker durch einen Kopfschuss. Ob er sich selbst tötete oder getötet wurde, ist bis heute ungeklärt. Die anderen drei schwiegen und erzählten den Amerikanern eine andere Geschichte. Später sagten die Männer, sie hätten die Kleinodien in den letzten Kriegstagen vor der Zerstörung schützen wollen. In den amerikanischen Akten steht ein anderer Grund. Danach sollten die Kleinodien ein Sammelzeichen bleiben für eine künftige nationalsozialistische Widerstandsbewegung.

Ein Geflohener in amerikanischer Uniform

Am 20. Juli 1945 bekam ein amerikanischer Leutnant den Auftrag, die Krone zu finden. Er hieß Walter Horn und war gebürtiger Deutscher, 1908 in Waldangelloch in Baden geboren. Horn war Kunsthistoriker und erforschte die Bauten des Mittelalters. 1938 war er aus Gegnerschaft zum NS-Regime in die Vereinigten Staaten geflohen, und nun kam er in amerikanischer Uniform zurück. Er verhörte mehr als zwanzig Menschen, und die Befragungen zogen sich über Wochen. Dann wurde einer der Stadträte verhaftet. Nach einer Nacht in Einzelhaft gab er zu, gelogen zu haben.

Am Morgen des 7. August 1945 führten zwei der Männer die Amerikaner in den Paniersbunker. Hinter einer Mauer, in einem kleinen Raum tief unter der Erde, lagen die Kupferbehälter. Anfang 1946 wurden die Reichskleinodien nach Wien geflogen, und seit 1954 liegen sie wieder in der Schatzkammer der Wiener Hofburg. Auch der Altar kehrte nach Krakau zurück und steht seit 1957 wieder in der Marienkirche. Horn ging zurück nach Kalifornien und lehrte an der Universität in Berkeley.

Was belegt ist und was offen bleibt

Einen vollständigen Plan dieser Keller gibt es nicht mehr. Vieles wurde geheim gehalten, und Aufzeichnungen gingen im Krieg verloren. Unter der südlichen Altstadt liegen weitere Keller früherer Brauereien, die nicht öffentlich zugänglich sind. Wie weit das alles reicht, weiß heute niemand genau. Unser 3D-Modell hält sich deshalb an die überlieferten Gesamtmaße von rund 25.000 Quadratmetern, bis zu vier Stockwerken und mehr als zwei Kilometern Gängen. Welcher Keller unter welchem Haus liegt und wie die Gänge verlaufen, zeigen wir nur als Schema. Für die Tiefe der Keller nennen wir keine Meterzahl, weil keine überliefert ist. Die Häuser darüber stammen aus OpenStreetMap, das Gelände aus dem Copernicus-Höhenmodell. Die historischen Szenen im Video sind KI-Illustrationen und ab dem ersten Bild als solche gekennzeichnet.

Manchmal taucht trotzdem etwas auf. Als Forschungstaucher der Universität Kiel 2012 im Auftrag der Bayerischen Schlösserverwaltung in den Tiefen Brunnen der Burg hinabstiegen, fanden sie am Grund Holzreste und Ziegel des alten Dachstuhls, Munitionsreste und Schutt aus der Bombennacht vom Januar 1945. Dazwischen lag eine kleine eiserne Figur, die vielleicht die heilige Kunigunde zeigt.

Nürnberg ist mit seinen Hohlräumen nicht allein. Im Umkreis von 50 Kilometern um die Stadt sind in unseren Daten 509 Höhlen und 50 Bergwerke kartiert, denn nördlich und östlich beginnt die Frankenalb, und die ist Karstland. In ganz Deutschland sind es 5.720 Höhlen und 7.265 Bergwerke. Das ist der Stand der Kartierung und keine vollständige Zählung, aber es ist ein Anfang. Auf der orecast-Karte siehst du, was rund um die Nürnberger Altstadt verzeichnet ist.

Selbst hinuntergehen

Einen Teil der Nürnberger Unterwelt kannst du selbst betreten. Termine und Preise prüfst du am besten vor dem Besuch auf den Seiten der Anbieter.

Häufige Fragen

Wie groß sind die Felsenkeller unter Nürnberg?

Die Museen der Stadt Nürnberg geben rund 25.000 Quadratmeter an, bis zu vier Stockwerke tief. Die Gänge sind zusammen mehr als zwei Kilometer lang. Die Keller liegen unter der Kaiserburg und der nördlichen Altstadt und sind seit dem 14. Jahrhundert nachgewiesen. Einen vollständigen Plan gibt es nicht mehr, weil vieles geheim gehalten wurde und Aufzeichnungen im Krieg verloren gingen.

Wo war die Kaiserkrone 1945 versteckt?

Über Ostern 1945 wurden die Reichskleinodien, darunter die Krone des Heiligen Römischen Reiches, in Kupferbehälter eingeschweißt und in einer versteckten Nische im Paniersbunker unter der Altstadt eingemauert. Am Morgen des 7. August 1945 führten zwei der Beteiligten die Amerikaner dorthin, nachdem der Kunsthistoriker Walter Horn mehr als zwanzig Menschen verhört hatte. Seit 1954 liegen die Reichskleinodien wieder in der Schatzkammer der Wiener Hofburg.

Kann man die Nürnberger Felsengänge besichtigen?

Ja, bei Führungen. Die Historischen Felsengänge starten in der Bergstraße 19 unterhalb der Burg, der Historische Kunstbunker in der Oberen Schmiedgasse 52 ist seit 1996 ein Museum, und den Tiefen Brunnen zeigen die Führungen auf der Kaiserburg. Termine und Preise stehen auf den Seiten der Anbieter.

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