orecast.appKarte öffnen

Geisterdorf unter der Wiese: Wir haben es auf einem Luftbild der 1950er wiedergefunden.

Vorschaubild des Videos: Geisterdorf unter der Wiese: Wir haben es auf einem Luftbild der 1950er wiedergefunden.Video abspielen

Erst der Klick lädt das Video von YouTube. Vorher wird nichts von YouTube oder Google geladen.

Auf einem Luftbild aus dem Jahr 1951 steht in Wollseifen in der Eifel noch jedes Haus. Man erkennt Scheunen, Gärten und die Straße, die zur Kirche führt. Fünf Jahre zuvor lebten hier rund 550 Menschen in etwa 120 Familien. Heute steht auf der Dreiborner Hochfläche nur noch die Kirche, und die Grundrisse der Höfe liegen unter Gras. Wollseifen ist einer von fünf Orten, denen unsere neue Folge nachgeht. Von allen ist kaum mehr geblieben als Spuren im Boden und ein Name auf einer alten Karte.

Die Archäologie nennt eine solche aufgegebene Siedlung eine Wüstung. Es gibt sie in fast jeder Gegend, oft mitten im Wald, wo heute niemand ein Dorf vermuten würde. Wer sie finden will, braucht keinen Spaten. Er braucht vier Blicke auf dieselbe Stelle.

Vier Ebenen übereinander

Die erste Ebene ist das Luftbild von heute. An solchen Stellen zeigt es meist nur Wald oder Weide. Die zweite Ebene sind alte Luftbilder. In Nordrhein-Westfalen reichen sie bis in die frühen 1950er Jahre zurück, und ein Regler blendet zwischen damals und heute hin und her. Die dritte Ebene sind alte Karten, etwa die Preußische Uraufnahme aus der Zeit um 1850, für Brandenburg das Schmettausche Kartenwerk aus den Jahren 1767 bis 1787 und für Frankreich die Carte de Cassini aus dem 18. Jahrhundert. Die vierte Ebene ist das Relief. Ein Laser aus dem Flugzeug misst den Boden unter den Bäumen, die Landesämter rechnen daraus ein Digitales Geländemodell, und im schrägen Licht werfen Wälle, Gruben und Hohlwege Schatten.

Nicht jede Ebene gibt es überall. In Sachsen fehlen Luftbilder aus den 1950er Jahren, und für Frankreich hat unsere Karte kein aktuelles Luftbild. Wo eine Ebene fehlt, sagt die Karte das, statt die Lücke zu füllen.

Altenberg bei Müsen: Münzen aus einer Sage

Bei Hilchenbach-Müsen im Siegerland liegt auf einer Bergkuppe eine Bergbausiedlung, die spätestens 1212 entstand und nach 1280 aufgegeben wurde. Rund hundert Jahre lang holten die Bergleute dort Erz mit Blei, Kupfer, Zink und Silber aus dem Berg. Im Relief ist der Ort gut zu erkennen. Man sieht mindestens 33 mittelalterliche Schächte, deren eingestürzte Öffnungen als Trichter im Boden liegen, die sogenannten Pingen. Dazu kommen Hohlwege und die Grundrisse von Häusern. Auf der Preußischen Uraufnahme steht der Name mitten im Wald: Altenberg.

Im Ort erzählte man sich eine Sage von einer reichen Silberstadt, deren gottlose Bergleute mit Feuer und Schwefel bestraft wurden. 1963 nahmen zwei Männer aus Müsen, Hubert Cadel und Erwin Krämer, die alten Geschichten ernst und gruben. Im Februar 1964 meldeten sie elf Silbermünzen. Am Ende waren es nicht weniger als siebzig Münzen, die ohne Genehmigung aus dem Boden geholt wurden. Nur 43 davon liegen heute in Museen. Warum die Siedlung unterging, ist offen. Die Ausgräber halten eine Brandkatastrophe für möglich, und die versteckten Münzen deuten auf eine unruhige Zeit. Belegt ist das nicht.

Heute führt ein Lehrpfad über das Gelände, es gibt einen Aussichtsturm und einen Parkplatz. Der Altenberg ist ein Bodendenkmal, und die Pingen und Halden sieht man gut vom Weg aus. Den Altenberg in der Karte ansehen.

Dangelsdorf: eine Kirche ohne Dorf

Im Hohen Fläming bei Görzke steht im Kiefernwald die Ruine einer Feldsteinkirche aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Ihre Westwand mit dem Giebelturm ragt noch über vier Meter hoch. Ein Dorf gehört nicht mehr dazu. Das Landbuch Kaiser Karls IV. nennt 1375 einen Ort „Dankelstorff“ mit 24 Hufen, der keine Abgaben mehr leistete. 1465 ist vom „halben wüsten dorff“ die Rede. Spätestens dann war Dangelsdorf leer, wahrscheinlich schon früher.

Das Relief hilft hier wenig. Der Boden ist flach und zeigt nur einige Hohlwege. Den stärksten Beleg liefert die dritte Ebene. Auf dem Schmettauschen Kartenwerk stehen an dieser Stelle die Worte „alte Kirche“ und „die wüste Feldmark Dangelsdorff“. Der Kartograf hat die Wüstung also schon im 18. Jahrhundert eingetragen. Warum die Menschen gingen, sagt keine Quelle. Die Erzählung von Hussiten oder Raubrittern halten Fachleute für eine Legende, weil sie zeitlich nicht passt. Pest, Hochwasser und schlechte Jahre gelten als wahrscheinlicher. Die Ruine ist frei zugänglich und liegt am Rundwanderweg 62 des Naturparks Hoher Fläming.

Bleiberg am Treppenhauer: eine Stadt unter dem Wald

Bei Sachsenburg und Frankenberg in Sachsen liegt ein bewaldeter Bergrücken, der Treppenhauer. Im Relief verwandelt er sich in ein Feld aus Trichtern. Mehr als 180 Pingen liegen dort auf rund zwölf Hektar, manche bis acht Meter tief, und fast die ganze Fläche ist von Wall und Graben umschlossen. Hier stand im 13. und 14. Jahrhundert eine Bergstadt namens Bleiberg. Abgebaut wurden silberhaltige Blei- und Kupfererze, und das Silber trennte man gleich vor Ort ab.

Urkunden erwähnen die Stadt nur zweimal, 1318 und 1390. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zogen die Bewohner fort, wohl nach Mittweida und Frankenberg, und der Wald wuchs über die Gruben. Ein Chronist schrieb 1755, für eine Stadt sei der Platz zu klein. Der Volksmund behielt trotzdem recht. Zweihundert Jahre später fand der Bodendenkmalpfleger Joachim Seyffarth Scherben am Graben, und die Ausgrabungen bestätigten die Stadt. In einem der Grubenhäuser stand ein Topf in einem Loch im Fels, mit Lehm verschlossen. Die Ausgräber deuten ihn als Speise für die Hausgeister. Wie viele Menschen in Bleiberg lebten, weiß niemand genau. Der Ausgräber schätzt 800 bis 1.000.

Wollseifen: drei Wochen Zeit

Wollseifen wird schon im 12. Jahrhundert genannt. Mitte August 1946 ordnete die britische Militärverwaltung die Räumung des Dorfes an. Die Familien hatten drei Wochen Zeit, ab dem 1. September 1946 war Wollseifen Sperrgebiet und Teil eines Truppenübungsplatzes rund um die Burg Vogelsang. Ab 1950 übte dort die belgische Armee, und zwischen den alten Mauern entstanden Kulissenhäuser für den Häuserkampf.

Franz-Josef Sistig war damals siebzehn. Seine Familie wohnte gegenüber der Kirche. Dem WDR hat er erzählt, dass der Befehl nach dem Hochamt verkündet wurde. Seine Schwestern putzten das Haus noch, bevor sie gingen. Sein Vater ließ den Schlüssel in der Tür stecken, weil er glaubte, sie kämen zurück. Die Möbel holten sie nachts mit dem Pferd. „Die Burg Vogelsang war unser Untergang“, sagte er. Am 1. Januar 2006 wurde das Gelände geöffnet, und Sistig stieß an diesem Tag mit anderen Wollseifenern im Dorf mit Sekt an.

In der Karte erzählen alle vier Ebenen diese Geschichte. Das Messtischblatt von 1940 zeigt jedes Haus. Das Luftbild aus den 1950er Jahren zeigt die Häuser noch stehend, spätere Luftbilder nur noch ein Raster aus Mauerresten. Im Relief liegen die Grundrisse der Höfe bis heute wie ein Stempel im Gras. Erhalten sind die Kirche St. Rochus, die Schule, ein Trafohäuschen und eine Wegekapelle, und ein tastbares Modell zeigt das Dorf im Zustand von 1944. Wollseifen in der Karte ansehen.

Fleury-devant-Douaumont: ein Dorf ohne Einwohner

Der letzte Ort liegt bei Verdun in Frankreich. Fleury-devant-Douaumont hatte bei der Volkszählung 1911 422 Einwohner. Heute sind es null. 1916 wurde das Dorf in der Schlacht um Verdun nach Angaben des französischen Verteidigungsministeriums innerhalb von zwei Monaten sechzehn Mal erobert und zurückerobert. Danach war nichts mehr übrig. Nach dem Krieg kaufte der Staat solche unbrauchbar gewordenen Flächen auf, die Zone rouge, und ließ dort Wald wachsen. Die Grundlage war ein Gesetz vom April 1919.

Fleury blieb trotzdem eine Gemeinde. Sie hat einen Bürgermeister, den der Präfekt ernennt, und ein Standesamt. Auf der Carte de Cassini steht der Name, eine Karte aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zeigt den Dorfgrundriss in Rot, und eine Karte aus der Zeit um 1950 vermerkt „Village détruit“, zerstörtes Dorf. Das Relief aus den französischen LiDAR-Daten zeigt keine Hausgrundrisse mehr. Es zeigt Krater, dazwischen Gräben und am Rand das Fünfeck eines Forts. An jedem alten Hausplatz steht heute ein Stein mit dem Namen der Familie, und an der Stelle der Kirche steht eine Kapelle.

Hinschauen, nicht graben

Alle fünf Orte sind Bodendenkmäler oder liegen in Schutzgebieten. Graben und Sondengehen sind dort verboten. In Wollseifen kommt eine echte Gefahr hinzu. Der Nationalpark Eifel warnt: „Wegen möglicher Kampfmittel besteht Lebensgefahr abseits der markierten Wanderwege auf dem gesamten Gelände des ehemaligen Truppenübungsplatzes Vogelsang.“ Wer etwas findet, das nach Munition aussieht, lässt es liegen und ruft die Polizei unter 110.

Besuchen lassen sich alle fünf Orte. Am Altenberg führt ein Lehrpfad mit Aussichtsturm über das Gelände. Zur Kirchenruine Dangelsdorf kommt man über den Rundwanderweg 62 ab Görzke. Über den Treppenhauer führt ein Wanderweg, und im Ort ist das Freilichtmuseum Bergstadt Bleiberg von April bis Oktober geöffnet. Nach Wollseifen gehen Wanderwege ab Vogelsang, Einruhr und Herhahn. In Fleury steht das Mémorial de Verdun.

Die Szenen von damals, die im Video zu sehen sind, sind mit KI erzeugt und als Rekonstruktion gekennzeichnet. Karten, Luftbilder, Reliefs und Fotos sind echt. In der orecast-Karte liegen die vier Ebenen zu diesen Orten bereit, die alten Karten und Luftbilder mit Pro. Vielleicht findest du dort auch in deiner Nähe ein Dorf, von dem nur noch der Name auf einer alten Karte geblieben ist. Schreib uns unter dem Video, welches Dorf bei euch fehlt.

Illustrationen mit KI erzeugt.

Häufige Fragen

Was ist eine Wüstung?

So nennt die Archäologie eine aufgegebene Siedlung, also ein Dorf, einen Hof oder eine Bergbausiedlung, die verlassen wurde und verfallen ist. Manchmal erinnert nur noch ein Flurname oder ein Eintrag auf einer alten Karte an den Ort, manchmal steht noch eine Kirche. Die Gründe sind verschieden: Seuchen, Missernten, erschöpfte Erzgänge, Krieg oder, wie in Wollseifen 1946, ein Räumungsbefehl.

Wie findet man ein verschwundenes Dorf in der Karte?

Man legt vier Ebenen über dieselbe Stelle. Das Luftbild von heute zeigt, was oben ist, meist Wald oder Wiese. Alte Luftbilder zeigen, was vor siebzig Jahren noch stand. Alte Karten wie die Preußische Uraufnahme oder das Schmettausche Kartenwerk nennen oft noch den Namen. Das Relief aus dem Laserscan zeigt Gruben, Wälle und Hausgrundrisse unter den Bäumen. Nicht jede Ebene gibt es überall, und die Karte sagt, wenn eine fehlt.

Darf man an diesen Orten suchen oder graben?

Nein. Alle fünf Orte sind Bodendenkmäler oder liegen in Schutzgebieten, Graben und Sondengehen sind dort verboten. In Wollseifen besteht laut Nationalpark Eifel wegen möglicher Kampfmittel abseits der markierten Wanderwege Lebensgefahr. Wer etwas findet, das nach Munition aussieht, lässt es liegen und meldet es der Polizei unter 110. Hinschauen und fotografieren ist überall erlaubt.

Warum hat Fleury-devant-Douaumont einen Bürgermeister, aber keine Einwohner?

Das Dorf bei Verdun wurde 1916 in der Schlacht vollständig zerstört und nie wieder aufgebaut. Frankreich hat es trotzdem als Gemeinde bestehen lassen, zur Erinnerung. Weil niemand dort wohnt, ernennt der Präfekt den Bürgermeister. Die Gemeinde führt ein Standesamt, und an den alten Hausplätzen stehen Steine mit den Namen der Familien.