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Die Venediger im Erzgebirge, und was die Fremden wirklich geholt haben

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Im Jahr 1144 wird nördlich von Paris die Abteikirche von Saint-Denis geweiht. Ihr Abt Suger hat für das Blau der Fenster eine teure „Saphirmasse“ beschafft, und er hat es aufgeschrieben. Viel später wurde dieses Glas chemisch untersucht, dazu blaues Glas aus anderen französischen Kathedralen. Nach der Fachliteratur enthielten diese Gläser auffällig viel Wismut, und diese Signatur passt nur zu zwei Vorkommen, zum Kinzigtal im Schwarzwald und zum Schneeberg im Erzgebirge. Nur ist in beiden Gebieten zu dieser Zeit kein großangelegter Bergbau nachweisbar. Unsere neue Folge, die dritte der Reihe „Verschollen“, geht dieser Lücke nach.

Die Fremden, die im Sommer kamen

Im Erzgebirge erzählte man sich lange von Männern, die im Sommer kamen und im Herbst wieder verschwanden. Sie sprachen eine fremde Sprache, stiegen allein in die Berge und kehrten mit schweren Säcken zurück. Im nächsten Jahr kamen sie nicht wieder, und niemand wusste, wo genau sie gewesen waren. Man nannte sie Walen, Welsche oder Venediger, im Süden auch „Venedigermandl“, in Thüringen „Erzmännchen“.

Die erste sichere Erwähnung steht 1523 im Joachimsthaler Bergbüchlein von Hans Rudhardt, einem Fachtext und keiner Sage. Welsch heißt romanischsprachig, nicht venezianisch. Dass sie Venezianer waren, ist nicht belegt. Der Name Venediger ist eine spätere volkstümliche Zuschreibung, weil Venedig für Reichtum und fernen Handel stand. Erzählt werden die Sagen vom Harz und vom Schwarzwald bis nach Tirol und in die Steiermark, eine erste Sammlung legte Christian Lehmann 1764 vor. Was holten die Fremden hier? Die Antwort schien klar. Gold.

Bücher, die den Walen nur zugeschrieben werden

Zur Legende gehören die Walenbücher, Hefte voller Wegbeschreibungen, Zeichen und angeblicher Fundstellen. Bekannt sind etwa 18 oder 19 Exemplare, erstmals erwähnt werden sie 1542 bei Caspar Bruschius. Ein steirisches Heft hat 16 Seiten mit 134 Fundweisungen. Ein anderes Exemplar enthält sogar astrologische Anweisungen für die Wahl der Glückstage. Die Ortsangaben sind übertrieben oder erfunden.

Zwei Beobachtungen ändern den Blick auf diese Bücher. Die meisten stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, also aus einer Zeit, in der die Fremden längst Legende waren. Und keines ist auf Italienisch erhalten, alle sind auf Deutsch geschrieben. Die angeblichen Schatzkarten der Venediger stammen deshalb aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht von ihnen. Sie wurden später verfasst und an Schatzsucher verkauft. Verkauft wurde die Hoffnung auf den Schatz.

Das blaue Glas von Saint-Denis

Die Abteikirche von Saint-Denis gilt als erster gotischer Bau, und ihre Fenster waren Sugers Stolz. Seine Saphirmasse klingt nach Edelstein, gemeint ist aber der Rohstoff, der Glas tiefblau färbt. Dieser Stoff ist Kobalt. In manchen Lagerstätten tritt Kobalt zusammen mit Wismut auf, und deshalb wirkt ein hoher Wismut-Gehalt wie ein chemischer Fingerabdruck der Herkunft.

Weil weder im Kinzigtal noch am Schneeberg damals großangelegter Bergbau nachweisbar ist, muss jemand das Material an der Oberfläche gesammelt und fortgebracht haben, ohne Grube und ohne Spur in den Akten. Genau davon erzählen die Sagen. Die Verbindung ist allerdings eine Deutung und kein Beweis. Zwischen der Weihe der Kirche und der ersten schriftlichen Erwähnung der Walen liegen fast vierhundert Jahre.

Vom Silberräuber zur Farbmühle

Warum hat außer den Fremden niemand dieses Erz geholt? Im Schneeberger Revier wurde das Silber weniger, je tiefer man ihm folgte. Stattdessen nahm ein Erz zu, das dem Silbererz zum Verwechseln ähnlich sah, in der Hütte aber kein Metall lieferte. Beim Schmelzen stiegen giftige Dämpfe von Arsen und Schwefel auf. Ein solches Erz galt als Werk eines bösen Berggeists. Die Bergleute nannten es Silberräuber, Scheißerz und Kobolt, und sie warfen es auf die Halde, weil sie es für verhext hielten. Das Element Kobalt kannten sie nicht.

Auf der Halde lag das Erz frei zugänglich, ohne Grube und ohne Bergrecht. Wer wusste, dass dieser vermeintliche Dreck der Rohstoff für blaues Glas ist, musste nur zugreifen. Das ist die verbreitetste Erklärung für die Lücke. Lazarus Ercker, Oberbergmeister in Böhmen, wird aus dem Jahr 1574 mit der Aussage zitiert, solche Körner hätten gar kein Gold bei sich, sie dienten als Zusatz, aus dem man schöne Farben mache. Erst 1737 wies der schwedische Chemiker Georg Brandt nach, dass in dem Erz ein bis dahin unbekanntes Metall steckt. Den Namen gab es als Schimpfwort längst, und so heißt das Element mit der Ordnungszahl 27 bis heute nach einem Berggeist.

Als das Silber ausblieb, wurde aus dem Abfall ein Geschäft. 1610 schloss Kurfürst Christian den ersten Kobaltkontrakt mit den Holländern, und alles in Schneeberg geförderte Kobalt ging an die kurfürstliche Kobaltkammer. Zwischen 1620 und 1640 stockte das Silber ganz, allein das Kobalt hielt den Schneeberger Bergbau am Leben. Nachdem Bergbau und Hüttenwesen 1632 im Dreißigjährigen Krieg fast völlig zum Erliegen gekommen waren, baute Veit Hans Schnorr der Ältere 1635 mit einem Schönburgischen Freibrief in Niederpfannenstiel bei Aue die erste größere Farbmühle Sachsens, an der Stelle eines von Kroaten zerstörten Hammerwerks. Bis 1680 folgten weitere Werke: Schlema, das Schindlerische, die Sehma, Unterjugel und Zschopenthal. Sie stellten Smalte her, ein blaues Pigment, und als Zwischenprodukt Safflor. Vom 16. bis ins 18. Jahrhundert war das westliche Erzgebirge das europäische Zentrum der Kobaltverhüttung.

Was die orecast-Karte kennt

Im Umkreis von 25 Kilometern um Annaberg und Marienberg verzeichnet die orecast-Karte unter anderem 1.632 Punkte für Kupfer, 1.268 für Uran und 1.164 für Kobalt. Das sind keine 1.164 Gruben, sondern dokumentierte Punkte entlang von Gangzügen, denn die Daten zerlegen zusammenhängende Erzgänge in viele einzelne Punkte. Der Gangtyp heißt in den Daten BiCoNi-Gänge, nach Wismut, Kobalt und Nickel. Wismut selbst führt die Karte nicht als Rohstoff, der Befund im Kathedralglas stammt aus der Glasanalytik.

Im Umkreis von acht Kilometern zählt die Karte um Schwarzenberg 250 Kobalt- und 155 Silberpunkte, um Schneeberg 194 und 200. Um Freiberg, die bekannte Silberstadt, sind es 288 Silberpunkte und kein einziger Kobaltpunkt. Es sind zwei verschiedene Reviere, rund 60 Kilometer auseinander im selben Gebirge. Einen Goldnachweis liefert die Karte hier nicht. Die meisten Einträge mit diesem Wort stammen aus der Berechtsamskarte des sächsischen Oberbergamts, in der ein einziges Bergbaufeld dreizehn genehmigte Rohstoffe auf einmal führt, und das ist kein Fundnachweis. Zwei weitere stammen aus einer US-Datenbank und haben nur eine grobe Lage. Wo die Kobaltpunkte rund um Schneeberg liegen, kannst du auf der Karte selbst ansehen.

In Deutschneudorf, weiter östlich, ließ der Bürgermeister im Februar 2008 den Fortunastollen aufgraben, weil sein Vater ihm eine Geschichte erzählt hatte. Acht Bohrungen gingen je zehn Meter tief. Gesucht wurde nach Gold und Kunstschätzen aus der NS-Zeit, manche sprachen sogar vom Bernsteinzimmer. Gefunden wurde nichts, und heute ist dort ein Besucherbergwerk.

Zu den Bildern im Video. Der Annaberger Bergaltar von 1521 und die Holzschnitte aus Agricolas „De re metallica“ sind echte historische Darstellungen. Die Fenster stammen aus Chartres und stehen nur als Beispiel für das blaue Glas jener Zeit. Die Szenen mit den Fremden, die Walenbuch-Seiten und die Bilder des Abtes und von Lazarus Ercker sind KI-Rekonstruktionen und im Bild gekennzeichnet.

Vor Ort ansehen, ohne zu graben

Seit 2019 ist die Montanregion Erzgebirge UNESCO-Welterbe. Schneeberg, Schlema und Aue mit Niederpfannenstiel liegen im Westen des Gebirges nah beieinander, und in Deutschneudorf lässt sich das Besucherbergwerk besichtigen. Öffnungszeiten bitte vorher bei den Betreibern prüfen.

Alte Stollen und Schächte betritt man nie auf eigene Faust, auch wenn ein Mundloch offen aussieht. Halden und Bergbauspuren können Bodendenkmäler sein, dort wird nicht gegraben. Für die Suche nach archäologischen Denkmalen braucht man in Sachsen eine Nachforschungsgenehmigung, mit Metalldetektor und ohne, und herrenlose Funde gehören nach dem Schatzregal dem Freistaat. Was im Erzgebirge an Kobalt, Silber und anderen Rohstoffen dokumentiert ist, zeigt dir die orecast-Karte. Im Video siehst du die ganze Geschichte in gut zwanzig Minuten. Schaut, staunt, grabt nicht.

Illustrationen mit KI erzeugt.

Häufige Fragen

Wer waren die Venediger im Erzgebirge?

So nannte man fremde Erz- und Mineraliensucher, die nach der Überlieferung aus romanischsprachigen Ländern kamen, vor allem aus Italien, teils auch aus Frankreich, Spanien oder Böhmen. Andere Namen sind Walen und Welsche. Die erste sichere Erwähnung steht 1523 im Joachimsthaler Bergbüchlein von Hans Rudhardt. Dass sie aus Venedig stammten, ist nicht belegt. Der Name Venediger ist eine spätere volkstümliche Zuschreibung.

Was sind Walenbücher?

Walenbücher sind Hefte mit Wegbeschreibungen und angeblichen Fundstellen, die den Walen zugeschrieben werden. Bekannt sind etwa 18 oder 19 Exemplare, erstmals erwähnt 1542 bei Caspar Bruschius. Die meisten stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, sind meist handschriftlich und ausnahmslos auf Deutsch, keines ist auf Italienisch erhalten. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurden sie später geschrieben und an Schatzsucher verkauft.

Warum heißt Kobalt Kobalt?

Im Schneeberger Revier stießen die Bergleute auf ein Erz, das wie Silbererz aussah, beim Schmelzen aber kein Metall lieferte und giftige Dämpfe von Arsen und Schwefel freisetzte. Ein solches Erz galt als Werk eines bösen Berggeists, und so hieß es Kobolt. Erst 1737 wies der schwedische Chemiker Georg Brandt nach, dass darin ein unbekanntes Metall steckt. Der alte Name blieb, heute trägt ihn das Element mit der Ordnungszahl 27.

Darf man in Sachsen mit dem Metalldetektor suchen?

Nur mit Genehmigung. Die Suche nach archäologischen Denkmalen braucht in Sachsen eine Nachforschungsgenehmigung, mit Metalldetektor und ohne. Der Nachforschungsschein ist an eine kostenlose Schulung beim Landesamt für Archäologie gebunden und gilt ein Jahr. Herrenlose Funde gehören nach dem Schatzregal in § 25 des sächsischen Denkmalschutzgesetzes dem Freistaat und sind abzuliefern.