Als neunzehnhundertneunundvierzig die erste sowjetische Atombombe zündete, steckte darin auch Uran aus dem Erzgebirge. Über eintausendfünfhundert dokumentierte Fundpunkte allein in Sachsen — und jahrzehntelang durfte niemand wissen, wo sie liegen. Das ist die Karte, die die DDR versteckte. Diese Folge behandelt ein sensibles Kapitel deutscher Geschichte in nüchternem, respektvollem Ton.
Ein zweites Berggeschrey
Diese Berge kennen wir schon: Vor achthundert Jahren lockte das Silber die Menschen ins Erzgebirge, das große Berggeschrey. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann in denselben Bergen ein zweites — diesmal suchte niemand Silber. Die Sowjetunion suchte fieberhaft nach Uran für die Bombe, und ihre Geologen wussten, was die Bergleute von Schneeberg und Johanngeorgenstadt seit Jahrhunderten achtlos auf die Halde gekippt hatten: Pechblende. Schon achtzehnhundertneunundachtzig war das Uran in den Erzen des Erzgebirges chemisch beschrieben worden, und aus Pechblende von Sankt Joachimsthal hinter der Grenze hatten Marie und Pierre Curie das Radium isoliert — dieselben Erzgänge, dieselbe Gebirgsstörung.
Tarnname Wismut
Ab neunzehnhundertsechsundvierzig übernahm die sowjetische Militäradministration die Gruben. Auf der Karte entstand ein Netz aus Fundpunkten: Johanngeorgenstadt, Schneeberg, Schlema, später Ronneburg in Thüringen und Königstein an der Elbe. Das Unternehmen bekam einen Tarnnamen, der nichts verraten sollte: Wismut. Ganze Landstriche wurden Sperrgebiet, auf DDR-Karten fehlten Fabriken, Schächte, ganze Täler, und wer dort arbeitete, unterschrieb Schweigepflicht. Und es arbeiteten dort mehr Menschen, als irgendjemand ahnte: etwa eine halbe Million zwischen neunzehnhundertsechsundvierzig und neunzehnhundertneunzig, allein neunzehnhundertdreiundfünfzig über hundertdreißigtausend gleichzeitig.
Zwei Kilometer tief — und der Preis
Der Berg bei Schlema wurde zur größten Lagerstätte seiner Art auf der Welt: Aus Niederschlema-Alberoda holte die Wismut über dreiundsiebzigtausend Tonnen Uran, die Schächte reichten fast zwei Kilometer tief — einige der tiefsten Bergwerke Europas. Doch diese Berge trugen eine dunkle Geschichte: Schon die Silberbergleute von Schneeberg starben an einem rätselhaften Leiden, der Schneeberger Krankheit; erst spät verstand man die Ursache — Radon, ein radioaktives Gas aus dem Gestein. In den ersten Jahren gab es kaum Strahlenschutz. Über vierzehntausendfünfhundert Fälle von Staublunge und mehr als fünftausendfünfhundert strahlenbedingte Krebserkrankungen wurden allein zu DDR-Zeiten als Berufskrankheiten anerkannt. Bis heute begleitet eine der größten Studien der Welt fast sechzigtausend ehemalige Bergleute; im Kurpark von Bad Schlema stehen Gedenksteine.
Die Bilanz und das Ende
Trotz allem lief die Förderung vier Jahrzehnte auf Hochtouren. Ronneburg in Thüringen wurde zum größten Standort, mit der größten Uran-Ressource Europas — rund hundertdreizehntausend Tonnen. Am Ende standen zweihunderteinunddreißigtausend Tonnen Uran aus deutschem Boden; nur die Sowjetunion, die USA und Kanada förderten mehr. Neunzehnhunderteinundneunzig wurde das Ende der Wismut vereinbart, aus dem Bergbaukonzern wurde ein Sanierungsunternehmen im Auftrag des Bundes. Es ist die teuerste Aufräumarbeit der deutschen Industriegeschichte: sechs Komma acht Milliarden Euro. Und noch bis zum ersten Juni zweitausendeinundzwanzig lieferte Deutschland Uran, gewonnen aus dem Grubenwasser von Königstein.
Uran hatte ein Leben vor der Bombe
Dabei hatte das Uran längst ein Leben vor der Bombe — als Farbe. Uranglas färbte Vasen und Schalen leuchtend gelbgrün, und die Farbenfabrik von Sankt Joachimsthal lieferte das Pigment in alle Welt. Niemand ahnte damals, welche Kraft in dem Stoff wirklich steckte. Erst die Entdeckungen von Marie und Pierre Curie machten aus dem hübschen Farbstoff ein Material, um das später Weltmächte rangen. So spannt sich vom leuchtenden Glas des neunzehnten Jahrhunderts bis zur Atombombe von neunzehnhundertneunundvierzig ein Bogen, der immer durch dieselben Erzgänge des Erzgebirges führt.
Der berühmteste Zugang zu dieser Welt steht noch heute: Schacht dreihunderteinundsiebzig, das stählerne Fördergerüst bei Hartenstein. Einst fuhr hier die Frühschicht zwei Kilometer in die Tiefe; heute gehört der Ort zum UNESCO-Welterbe Montanregion Erzgebirge. Wie groß die Aufgabe der Sanierung war, zeigen Bilder aus Thüringen: Berge aus Abraum, so weit das Auge reicht. Jahrzehntelang wurden sie abgetragen, umgeformt und begrünt, Stück für Stück dem Land zurückgegeben — eine Arbeit, die bis heute andauert. Was als militärisch abgeschirmtes Sperrgebiet begann, ist heute teils Denkmal, teils Kurort, teils Garten. Die Berge tragen beides: das Gedächtnis an eine gefährliche Arbeit und die sichtbaren Zeichen dafür, dass eine Landschaft sich heilen lässt, wenn man ihr die Zeit und die Mittel gibt.
Wo Uran lag, wachsen Gärten
Heute blüht auf den alten Wunden Neues: Bad Schlema, einst Sperrgebiet, ist wieder Kurort mit Radonbad, und wo bei Ronneburg der Tagebau klaffte, blühte zweitausendsieben die Bundesgartenschau — die Neue Landschaft Ronneburg. Auf der orecast-Karte ist all das sichtbar: die Mineralgänge, die alten Bergbaufelder, die Lagerstätten, aus offenen Quellen der Landesämter und der Bundesanstalt. Eines aber ist diese Karte ausdrücklich nicht: eine Einladung. Die Halden sind saniert, Betreten und Sammeln sind verboten — diese Doku dokumentiert, sie ist keine Anleitung zur Suche. Das Erzgebirge hat zwei große Geschichten erzählt, die vom Silber und die vom Uran. Aber die Berge sind noch nicht fertig mit uns: Unter ihnen liegt auch das Metall, von dem die Zukunft spricht — Lithium. Davon erzählen wir ein anderes Mal. Glück auf.