In deinem Handy steckt Lithium, knapp die Hälfte davon kommt aus Chile, ein Viertel aus China. Dabei führt der Geologische Dienst der USA Deutschland mit 8,9 Millionen Tonnen Lithium-Ressourcen auf Platz sechs der Welt. Gefördert wird davon: nichts. Die neue Folge erzählt, warum — und dass die Gründe wenig mit Geologie zu tun haben.
Was im Handy steckt und woher es kommt
Ein Smartphone enthält rund dreißig Metalle: Lithium und Kobalt im Akku, Neodym in den Magneten, Indium im Touchscreen, Gold, Silber und Kupfer in den Leiterbahnen. Fast nichts davon wird in Europa gefördert — das meiste liefern fünf Länder, für einen Kontinent mit 450 Millionen Menschen, der gerade auf Elektroautos umsteigt.
Beim Lithium zeigt eine Deloitte-Analyse, wie sich Abhängigkeit verschiebt, statt zu verschwinden: 2013 kamen 76 Prozent der deutschen Importe aus Chile und ein Prozent aus China, zehn Jahre später sind es 47 Prozent Chile und 24 Prozent China. Und der Nachschub hat einen Preis: In der Atacama-Wüste verdunstet Salzlake monatelang in riesigen Becken, während Konzerne, Behörden und indigene Gemeinden ums Grundwasser streiten. Wie viel Wasser das verbraucht, darüber streitet selbst die Fachliteratur — die ehrliche Antwort: viel.
Die seltsame Karriere eines Elements
1817 zerlegt ein junger Chemiker namens Arfwedson einen Stein von der Ostseeinsel Utö und findet ein unbekanntes Element, getauft nach dem griechischen Wort für Stein: lithos. Die Pointe: Isolieren kann er das Metall nicht — seine Batterie ist zu schwach. Danach macht Lithium eine bizarre Karriere: Erst steckte es in einer amerikanischen Limonade, bis die Behörden es 1948 verboten; 1949 entdeckte ein Psychiater seine Wirkung gegen Manie — bis heute Standard. Und inzwischen gehen 88 Prozent der Weltproduktion in Batterien.
Diese Weltproduktion lag 2025 bei rund 290.000 Tonnen — die gesamte EU kam auf 380 Tonnen aus einer einzigen Mine in Portugal, 0,13 Prozent. Dazu fährt der Preis Achterbahn: rund 11.700 Dollar je Tonne Lithiumcarbonat 2021, 63.700 ein Jahr später, 9.000 im Jahr 2025. Wer bei solchen Kurven eine Mine für Jahrzehnte plant, braucht Nerven. Oder Subventionen.
Zinnwald: das Dorf, das einem Mineral den Namen gab
Der erste deutsche Schauplatz liegt im Osterzgebirge, direkt an der tschechischen Grenze. Der Lithium-Glimmer Zinnwaldit wurde 1845 nach dem Dorf Zinnwald benannt. Der Bergbau am Ort ist über 600 Jahre alt: 1378 erstmals erwähnt, erst Zinn, ab 1839 Wolfram — und Ende des 19. Jahrhunderts beginnt der Abbau von Lithiumglimmer, womit Zinnwald einer der frühesten Lithium-Bergbauorte der Welt war.
Im Zweiten Weltkrieg war die Grube Deutschlands einzige Lithiumquelle: rund 7.700 Tonnen Glimmergreisen für die Rüstung, abgebaut auch von Kriegsgefangenen — ein Kapitel, das die Folge sachlich erzählt. 1945 war auf deutscher Seite Schluss, drüben in Cínovec lief der Bergbau bis 1990, seit 1992 ist die alte Grube ein Besucherbergwerk.
Leer ist der Berg trotzdem nicht: Die aktuelle Ressourcenschätzung liegt bei rund 2,7 Millionen Tonnen Lithiumcarbonat-Äquivalent, damit ist Zinnwald das drittgrößte Lithiumprojekt der EU. Geplant ist reiner Untertagebau mit einem 9,1 Kilometer langen Förderband-Tunnel zur Aufbereitung nach Liebenau — keine Lkw-Kolonnen durch die Dörfer. Produktionsstart: geplant um 2030. Geplant.
Eine Lagerstätte, zwei Länder, zwei Geschwindigkeiten
Dann kommt die Politik: Die EU-Kommission lehnte Zinnwald als strategisches Projekt ab — Cínovec, auf der tschechischen Seite derselben Lagerstätte, ist als strategisches EU-Projekt anerkannt und bekommt bis zu 360 Millionen Euro Staatsförderung. Die Grenze auf der Karte erzählt die ganze Geschichte.
Widerstand gibt es auch hier: Eine Bürgerinitiative in Bärenstein und Naturschützer im Osterzgebirge kämpfen gegen Aufbereitung und Deponie vor ihrer Haustür — es geht um Wasser, Verkehr und Landschaft. Dieses Muster kehrt gleich wieder.
Der Graben, der sein Lithium von selbst nach oben bringt
Ortswechsel, 400 Kilometer nach Westen. In Baden-Baden sprudeln seit der Römerzeit heiße Quellen, und mit ihnen kommen täglich rund 40 Kilogramm Lithiumchlorid nach oben — ungenutzt, seit 2.000 Jahren. Tief unter dem Oberrheingraben zirkuliert in drei bis fünf Kilometern 150 bis über 200 Grad heißes Thermalwasser, das über Jahrtausende Lithium aus dem Gestein laugt: 160 bis 190 Milligramm pro Liter.
Genau hier setzt Vulcan Energy an: Geothermie plus direkte Lithium-Extraktion, Strom und Lithium aus derselben Bohrung. Die Pilotanlagen produzieren seit Ende 2024 batteriefähiges Lithiumhydroxid im Tonnen-Maßstab. Die Folge erzählt aber auch den Krimi dahinter: 2021 gefeierte Verträge mit Renault und Volkswagen, Produktionsstart „2025“ — dann eine Short-Seller-Attacke, Finanzierungspoker und drei Verschiebungen. Beide Autobauer stehen heute nicht mehr auf der Abnehmerliste.
Seit Ende 2025 wird es trotzdem konkret: Im Dezember stand die Finanzierung über 2,2 Milliarden Euro, im März 2026 erteilte das Bergamt die erste kommerzielle Lithium-Förderlizenz in der Geschichte des Oberrheingrabens. Das Ziel: 24.000 Tonnen pro Jahr ab 2028 — ein Ziel, kein Termin. Die Risiken bleiben: Landau erlebte 2009 ein Beben der Stärke 2,7, sehr wahrscheinlich durch Geothermie ausgelöst, bei Straßburg wurde ein Projekt nach Beben behördlich gestoppt, und die Extraktionstechnik ist im Industriemaßstab noch nicht bewiesen. Das Karlsruher Institut für Technologie rechnet vor: Geothermie-Lithium kann zwei bis zwölf Prozent des deutschen Bedarfs decken. Eine Ergänzung, kein Wunder.
Woran es wirklich hängt
Die EU hat sich Ziele gesetzt: Bis 2030 sollen zehn Prozent des Bedarfs selbst abgebaut, 40 Prozent selbst verarbeitet und 25 Prozent recycelt werden — der Europäische Rechnungshof warnt schon jetzt, dass diese Ziele verfehlt zu werden drohen. Und die Zeit drängt: Die OECD zählte im April 2026 Exportbeschränkungen, die bis zu 70 Prozent des weltweiten Kobalts und Mangans treffen — verfünffacht seit 2009.
Was Akzeptanz konkret bedeutet, zeigen drei Orte: Jadar in Serbien, Europas größtes Projekt, liegt nach Massenprotesten auf Eis. Barroso in Portugal wurde per Gericht gestoppt. Keliber in Finnland startet dagegen dieses Jahr tatsächlich. Europas Lithium scheitert bisher nicht an der Geologie, sondern an Zeit, Vertrauen und Akzeptanz. Die ehrliche Bilanz: Es gibt kein sauberes Lithium, nur ehrliche und weniger ehrliche Abwägungen. Und Recycling? BASF und Mercedes haben angefangen, aber die großen Batterieströme kommen erst, wenn die heutigen Elektroautos alt werden.
Zum Schluss der Blick in unsere eigenen Daten: In orecast liegen 8.924 dokumentierte Lithium-Punkte weltweit, 582 davon in Deutschland, jeder mit Quelle — sogar das „Bergbaufeld Zinnwald“ ist als echtes Bergrecht eingezeichnet. Was die Daten nicht wissen, sagt dir die App auch: Ob sich ein Vorkommen lohnt, entscheiden Bohrungen, nicht Datenbanken. Und was dokumentiert unter deiner Region liegt, zeigt dir die Karte.