2026-09-19

Nördlingen liegt in einem 24-Kilometer-Krater. Ein Kirchturm hat es 1960 verraten.

Wer durch Nördlingen läuft, steht in einem Krater. Die Stadt liegt im Nördlinger Ries, einem kreisrunden Becken von rund vierundzwanzig Kilometern Durchmesser in Bayern. Entstanden ist es vor knapp fünfzehn Millionen Jahren, als ein Brocken von etwa einem Kilometer Durchmesser mit über siebzigtausend Stundenkilometern einschlug. Die UNESCO nennt das Ries heute den am besten erhaltenen Meteoritenkrater Europas – und tatsächlich war es historisch erst der zweite Krater weltweit, den man überhaupt als Einschlagkrater erkannte, nach dem Barringer-Krater in Arizona.

Lange Zeit hielt man das Ries für vulkanischen Ursprungs. Das Gestein, aus dem große Teile der Stadt gebaut sind – auch der berühmte Kirchturm von St. Georg, liebevoll „Daniel" genannt – schien dazu zu passen: ein poröses, helles Gestein namens Suevit. Erst 1960 erkannte der Geologe Eugene Shoemaker, dass dieses Gestein nicht vulkanisch entstanden sein konnte, sondern nur durch den gewaltigen Druck eines Impakts.

Der Beweis kam aus dem Steinbruch, nicht aus der Kirchenmauer

Der eigentliche wissenschaftliche Nachweis stammt nicht direkt vom Kirchturm, sondern aus dem Steinbruch Otting im Ries. Dort untersuchte der Mineraloge Edward Chao das Gestein im Labor und fand darin Coesit – eine Form von Siliziumdioxid, die nur unter extremem Druck entsteht, wie er bei einem Meteoriteneinschlag auftritt. Chao veröffentlichte seine Ergebnisse im Oktober 1961. Damit war klar: Das Ries ist ein Einschlagkrater, und das Baumaterial von Nördlingen ist fossilisierte Explosionsenergie aus dem All.

Die Geschichte bekommt eine besondere Note durch Eugene Shoemaker selbst. Er war maßgeblich am Aufbau der Astronautenausbildung der NASA beteiligt und brachte Apollo-Astronauten zu Feldübungen ins Ries – zehn Jahre nachdem er dort die ersten Zweifel am vulkanischen Ursprung gehabt hatte, standen im selben Steinbruch die Männer, die bald darauf auf dem Mond landen sollten. Shoemaker selbst kam nie ins All. Nach seinem Tod wurde ein Teil seiner Asche mit einer Mondsonde auf den Mond gebracht – er ist bis heute der einzige Mensch, dessen Überreste dort liegen.

Auswurf bis nach Böhmen

Der Einschlag war so gewaltig, dass Material weit über das Ries hinaus geschleudert wurde. Geschmolzenes Gestein aus dem Einschlag findet sich heute als grünes Glas, sogenannte Moldavite, in Südböhmen – rund zweihundertdreiundneunzig Kilometer entfernt. Auch in einem Schweizer Tobel, hunderteinundachtzig Kilometer vom Ries entfernt, lässt sich Auswurfmaterial nachweisen. Die genaue Ausdehnung des Auswurffelds und einzelne Details der Ereigniskette werden von der Forschung weiterhin diskutiert, ebenso wie feinere Abweichungen bei Kraterdurchmesser und Alter, je nach Methode und Studie.

Wer wissen will, wo genau der Kraterrand verläuft und welche Fundstellen sich bis heute besuchen lassen, findet die Übersicht auf der Karte von orecast.app.

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