2026-08-26

Nibelungenschatz: Im Rhein liegt wirklich Gold, nur nicht dort, wo die Sage es versteckt

Der größte Schatz der deutschen Sage hängt an einem einzigen Satz. Im Nibelungenlied heißt es über Hagen von Tronje: „er sancte in dâ ze Lôche allen in den Rîn.“ Er versenkte ihn bei Lôche, ganz und gar, im Rhein. Gefunden hat diesen Schatz nie jemand, und es gibt keinen archäologischen Beleg für ihn. Gold liegt trotzdem im Rhein, und zwar echtes. Es liegt nur nicht als Haufen bei Worms, sondern als feine Flitter im Kies, weit im Süden. In der zweiten Folge unserer Reihe „Verschollen“ gehen wir beiden Geschichten nach.

Ein Vers aus der Zeit um 1200

Das Nibelungenlied entstand um oder kurz nach 1200, vermutlich am Hof des Passauer Bischofs Wolfger von Erla. Den Namen des Dichters kennt niemand. Drei Handschriften, A, B und C genannt, liegen heute in München, St. Gallen und Karlsruhe. Eine Strophennummer für den Vers nennen wir bewusst nicht, denn je nach Ausgabe trägt dieselbe Stelle eine andere Zahl.

Die Handlung ist schnell erzählt. Siegfried gewinnt einen Hort, den laut Lied hundert Wagen nicht hätten tragen können. Er wird ermordet, der Schatz geht an seine Witwe Kriemhild, und sie verschenkt das Gold an jeden, der ihr zuhören will. Wer Gold verteilt, gewinnt Gefolgsleute. Also nimmt Hagen ihr den Schatz weg und versenkt ihn im Rhein. Er stirbt, ohne das Versteck zu verraten.

Einen historischen Kern hat die Geschichte. Es gab ein Reich der Burgunder, das im fünften Jahrhundert unterging. Dass die Burgunder je in Worms saßen, belegt aber weder eine Urkunde noch ein archäologischer Fund. Jahrhunderte später machte Richard Wagner aus dem Stoff Musik, sein „Rheingold“ kam 1869 in München auf die Bühne. Im Video siehst du das Gemälde von Peter von Cornelius aus dem Jahr 1859, auf dem Hagen den Hort versenkt. Szenen wie die Schatzkammer sind dagegen mit KI erzeugt und im Bild gekennzeichnet.

Lochheim, ein Dorf, das schon Wiese war

Alles hängt an dem Wort Lôche. Im 19. Jahrhundert kam die Deutung auf, gemeint sei Lochheim, ein Dorf bei Biebesheim, grob 20 Kilometer rheinabwärts von Worms. Das Dorf gab es wirklich, heute ist es eine Wüstung. Auf der Rückseite einer Urkunde des Klosters Eberbach, die man um 1210 einordnet, steht ein undatierter Vermerk. Darin heißt es auf Latein, der Ort, der Locheim genannt wird, sei ganz in Wiese verwandelt. Stimmt die Einordnung, war Lochheim schon ungefähr zur Zeit des Liedes nur noch Gras.

Verführerisch ist diese Gleichsetzung, bewiesen ist sie nicht. Umstritten war sie schon im 19. Jahrhundert, und sie bleibt eine Deutung. Dazu kommt ein sprachliches Problem. Das mittelhochdeutsche Wort „lôch“ bedeutet nicht Loch, sondern niedriges Holz, Busch oder Gehölz. Hagen hätte den Hort also eher bei einem Wäldchen versenkt. Und „Loch“ war am Rhein ein verbreiteter Name für gefährliche Engstellen im Strom, das Binger Loch heißt bis heute so. Gefunden wurde bei Lochheim nichts.

Rülzheim 2013, ein echter Schatz als Warnung

Im Mai 2013 grub ein junger Mann im Wald bei Rülzheim in der Südpfalz mit dem Metalldetektor, allein und ohne Genehmigung. Er holte über hundert Objekte aus Gold und Silber aus dem fünften Jahrhundert aus dem Boden, darunter einen silbernen Klappstuhl. Abgegeben hat er sie erst im Dezember 2013, nachdem er erfahren hatte, dass die Polizei ermittelt. Die Presse fragte, ob das der Nibelungenschatz sei. Die Landesarchäologie widersprach. Landesarchäologe Axel von Berg nannte den Nibelungenschatz sinngemäß ein Symbol für alles Wertvolle, das irgendwo am und im Rhein liegen könnte.

Nach Urteilen in Speyer und Frankenthal hob das Oberlandesgericht Zweibrücken 2016 das Urteil auf. 2018 endete das Verfahren in Frankenthal mit einer Verwarnung mit Strafvorbehalt. Offen blieb, ob der Fund von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung ist, und drei Gutachter widersprachen sich. Der eigentliche Schaden steht in keinem Urteil. Der Archäologe Rainer Schreg verglich eine Raubgrabung mit einem Aktenvernichter. Das Material ist noch da, die Zusammenhänge sind vernichtet. In welcher Schicht und in welcher Anordnung der Schatz lag, ist für immer verloren. Aufbewahrt wird er heute im Sammlungszentrum des Historischen Museums der Pfalz in Speyer. Die Bilder vom Schatz im Video sind KI-Illustrationen, keine Fotos des Fundes.

Das echte Rheingold kommt aus den Alpen

Das Gold im Rhein ist älter als jede Sage. In den Eiszeiten schürften Gletscher in den Alpen Gestein ab, und das Schmelzwasser trug es nach Norden. Wo das Wasser langsamer wird, bleibt Schweres liegen, und Gold ist das Schwerste, was ein Fluss mitführt. So entstand Seifengold, feine Flitter in den Kiesbänken mit einem Feingehalt von etwa 92 bis 96 Prozent. Flussabwärts werden sie immer feiner. Bei Istein messen sie bis zu sechs Millimeter, am mittleren Oberrhein so gut wie nie mehr als 0,15 Millimeter.

Die Menschen am Fluss wuschen dieses Gold über Generationen von Hand, auf Waschbänken aus Holz. 1831 wurden in Baden 13 Kilogramm Rheingold abgeliefert, 1838 arbeiteten am badischen Ufer rund 400 Goldwäscher. Zwischen 1748 und 1874 sind mindestens 366 Kilogramm belegt. Geprägt wurden daraus sogar Dukaten. Die Kurpfalz schrieb „SIC FULGENT LITTORA RHENI“ darauf, so glänzen die Ufer des Rheins. Baden blieb nüchtern mit „EX SABVLIS RHENI“, aus dem Sand des Rheins, zuletzt geprägt 1854.

Das Ende kam mit dem Wasserbau. Ab 1817 wurde der Rhein nach den Plänen von Johann Gottfried Tulla begradigt, der letzte Abschnitt bei Istein folgte 1876. Den Goldwäschern nahm das die Grundlage, denn ein schneller Fluss legt keine neuen Kiesbänke an. 1874 lieferte Baden zum letzten Mal Rheingold ab, noch 90 Gramm. Ganz verschwunden ist das Gold nie. Heute gewinnen einzelne Kieswerke am Oberrhein es als Nebenprodukt, mit Verfahren, die nach Dichte trennen. Die Angaben zu den Mengen widersprechen sich, deshalb nennen wir keine Zahl.

Was die orecast-Karte am Fluss kennt

Für die Folge haben wir nachgesehen, was an den Schauplätzen in unseren Daten steht. Im Umkreis von zehn Kilometern um Worms sind es null Rohstoffpunkte, null Fundstellen und null Besonderheiten. Bei Lochheim kennt die Karte im selben Umkreis genau einen Rohstoff, und das ist kein Gold. Es ist das Erdölfeld Eich, gut fünf Kilometer entfernt.

Weiter flussaufwärts ändert sich das Bild. Bei Wörth am Rhein nahe Karlsruhe steht ein Punkt für Platin aus der US-Datenbank MRDS, nur grob verortet. Bei Kehl steht ein Goldpunkt mit dem Namen des Ortes, an dem er liegt, und dieser Ort heißt Goldscheuer. Es folgen Gold bei Breisach und ganz im Süden bei Istein, direkt am Fluss. Diese drei Goldpunkte stammen vom französischen geologischen Dienst BRGM. Das ist der Stand der Quellen, keine vollständige Zählung, und kein Punkt ist eine Einladung zum Graben. Die Sage hat sich nicht im Fluss geirrt, nur im Ort.

Selbst an den Rhein

Am Oberrhein gibt es geführte Goldwaschkurse, etwa am Isteiner Klotz oder im Raum Karlsruhe. Wie das Waschen mit der Schale funktioniert, steht in unserem Beitrag zum Goldwaschen. Mit der Handpfanne ist Goldwaschen in Baden-Württemberg bergrechtlich nicht genehmigungspflichtig. Grundeigentum, Wasserrecht und Naturschutz gelten trotzdem, und in Naturschutzgebieten ist es verboten. Die Rheinauen sind zu großen Teilen geschützt. Wer sichergehen will, fragt bei der unteren Wasserbehörde nach.

Die Suche mit dem Metalldetektor braucht in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg eine Genehmigung, in Rheinland-Pfalz drohen ohne sie Bußgelder bis 125.000 Euro. Bodendenkmäler bleiben im Boden. Wer am Ufer etwas findet, das nach Munition aussieht, lässt es liegen und ruft die Polizei unter 110. Ob der Barbarenschatz gerade in Speyer ausgestellt ist, fragst du am besten vorher beim Museum nach. Welche Goldpunkte am Oberrhein bis Istein dokumentiert sind, zeigt dir die orecast-Karte, und das Video erzählt die ganze Geschichte in rund 16 Minuten.

Häufige Fragen

Wo soll der Nibelungenschatz im Rhein liegen?

Im Nibelungenlied, entstanden um 1200, versenkt Hagen von Tronje den Hort „dâ ze Lôche“ im Rhein. Im 19. Jahrhundert kam die Deutung auf, Lôche sei Lochheim, ein verschwundenes Dorf bei Biebesheim, grob 20 Kilometer rheinabwärts von Worms. Diese Deutung war schon damals umstritten, und mittelhochdeutsch „lôch“ bedeutet Gehölz, nicht Loch. Einen archäologischen Beleg für den Schatz gibt es nicht.

Gibt es wirklich Gold im Rhein?

Ja. Der Rhein führt Seifengold, feine Flitter, die in den Eiszeiten aus den Alpen in die Kiesbänke gelangten. Es hat einen Feingehalt von etwa 92 bis 96 Prozent. 1831 wurden in Baden 13 Kilogramm abgeliefert, zwischen 1748 und 1874 sind mindestens 366 Kilogramm belegt. Mit der Begradigung des Rheins endete das Gewerbe. Heute fällt Gold in Kieswerken am Oberrhein als Nebenprodukt an.

Ist der Barbarenschatz von Rülzheim der Nibelungenschatz?

Nein. Der Fund aus dem fünften Jahrhundert wurde 2013 ohne Genehmigung ausgegraben. Die Presse stellte die Frage, die Landesarchäologie von Rheinland-Pfalz widersprach. Der Fall ist ein Warnbeispiel, denn durch die Raubgrabung ist der Fundzusammenhang zerstört. Das Verfahren endete 2018 mit einer Verwarnung mit Strafvorbehalt.

Darf man am Rhein Gold waschen?

In Baden-Württemberg ist Goldwaschen mit der Handpfanne bergrechtlich nicht genehmigungspflichtig. Grundeigentum, Wasserrecht und Naturschutz gelten trotzdem, und in Naturschutzgebieten ist es verboten. Die Rheinauen sind zu großen Teilen geschützt. Wer sichergehen will, fragt bei der unteren Wasserbehörde nach oder bucht einen geführten Kurs. Die Suche mit dem Metalldetektor ist in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg genehmigungspflichtig.

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