2026-08-26

„Wenn du mich siehst, dann weine“ — die Elbe zeigt ihre Hungersteine wieder

Ein Stein, der auftaucht, ist normalerweise keine Nachricht. Bei diesem ist es anders: Anfang August fiel der Pegel Dresden auf 54 Zentimeter, und im Flussbett bei Pirna wurde ein Hungerstein sichtbar — ein Felsblock, in den Menschen seit 1707 die grossen Dürrejahre der Elbe eingemeisselt haben. Mehr als zwanzig Jahreszahlen stehen darauf, die jüngsten von 2003 und 2015. Wenn dieser Stein zu sehen ist, führt die Elbe so wenig Wasser, dass früher die Ernte auf dem Spiel stand.

Ein dunkler Stein ragt bei Niedrigwasser aus der Elbe, Abendlicht
Nur bei extremem Niedrigwasser sichtbar: ein Hungerstein. KI-Rekonstruktion.

Pegel aus der Zeit, bevor es Pegel gab

Bevor Messstationen den Wasserstand protokollierten, halfen sich die Menschen am Fluss selbst: Sie wählten markante Felsblöcke im Flussbett und meisselten die Jahreszahl hinein, wenn das Wasser sie freigab. So wurde aus einem Hindernis für die Schifffahrt ein Archiv. Das Landeshochwasserzentrum Sachsen hat gemeinsam mit Senckenberg Dresden 23 solcher Objekte zwischen Techlovice in Böhmen und Magdeburg erfasst — Hungersteine, beschriftete Untiefen, Niedrigwassermarken an Bauwerken.

Die Namen der Orte lesen sich wie eine Fahrt die Elbe hinab: Děčín, Techlovice, Königstein, Pirna-Oberposta, Pillnitz, Laubegast, Schönebeck. In Oberposta liegen gleich drei Steine; der älteste trägt die Jahreszahl 1707. Und an der Schlosstreppe von Pillnitz markieren Striche die Niedrigwasser von 1873, 1904 und 2003 — am Fuss einer Sphinx.

„Wenn du mich siehst, dann weine“

Der berühmteste Hungerstein liegt flussaufwärts von Pirna, bei Tetschen — dem heutigen Děčín in Tschechien, am linken Ufer unterhalb der Tyrš-Brücke. In den Basaltblock ist auf Deutsch die Warnung gemeisselt, die diesem Beitrag den Titel gibt. Sie stammt aus dem 19. Jahrhundert, als das Elbtal beiderseits der Grenze deutschsprachig war.

Oft wird berichtet, auf dem Stein sei die Jahreszahl 1417 zu lesen. Das stimmt so nicht mehr: Die ältesten Marken haben ankernde Schiffe über die Jahrhunderte abgerieben. Die älteste heute noch verifizierbare Jahreszahl ist 1616 — nachgewiesen von tschechischen Hydrologen, die die Marken 2020 systematisch ausgewertet haben. Auch so bleibt der Tetschener Stein eines der ältesten hydrologischen Denkmäler an der Elbe.

Was die Jahreszahlen erzählen

Liest man die verifizierten Marken der Elbe-Steine hintereinander, entsteht eine Chronik der Trockenjahre: 1616, 1666, 1681, 1707, 1842, 1904, 1947. Das Jahr 1904 taucht an fast jedem Stein auf — in Schönebeck vermerkte man damals sogar einen Pegel von minus 47 Zentimetern. Und 1947 steht für den bis heute gültigen Allzeit-Tiefstand in Dresden: 21 Zentimeter am 12. August 1947.

Wie es sich anfühlte, wenn die Steine erschienen, hat ein Meissner Chronist festgehalten: Über die Sichtung von 1746 schrieb Johann Friedrich Ursinus, in diesem Jahr seien „wegen sehr heisser Witterung fast alle Gewässer vertrocknet". Die Meissner Steine selbst sind heute verschollen — geblieben ist nur der Bericht.

Ausgetrocknetes Flusstal mit Kiesbänken und Sandsteinfelsen
Kiesbänke statt Fahrrinne: die Elbe im Sommer 2026. KI-Rekonstruktion.

Der Sommer 2026

Anfang August meldeten 82 Prozent der 146 sächsischen Pegel Niedrigwasser, die Güterschifffahrt auf der Elbe kam praktisch zum Erliegen, die Weisse Flotte strich ihre Linien in die Sächsische Schweiz. Am 9. August stand Dresden bei 54 Zentimetern. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch: Inzwischen hat sich die Lage leicht entspannt — am 26. August lag der Pegel mit 72 Zentimetern wieder knapp über der Niedrigwasser-Marke. Den Rekord von 1947 hat dieser Sommer nicht angetastet. Ob die Steine bis zu den Herbstregen sichtbar bleiben, entscheidet das Wetter.

Wer jetzt ans Ufer fährt, um einen Hungerstein zu sehen: anschauen, fotografieren — aber nicht meisseln. Neue Marken setzen heute Fachleute; zuletzt haben Dresdner Archäologen 2016 in Tolkewitz ganz bewusst einen neuen Hungerstein gesetzt, damit die Chronik weiterläuft.

Was Niedrigwasser sonst freilegt

Die Elbe ist in diesem Sommer nicht allein. Am Rhein unterschritt der Pegel Kaub im August den Rekord aus dem Dürrejahr 2018, und an der Donau hat das fallende Wasser in früheren Jahren gezeigt, was Flüsse alles verwahren: bei Budapest ein Wehrmachtsmotorrad, daneben Dutzende Panzerabwehrminen. Deshalb gehört zu jeder Niedrigwasser-Meldung derselbe Satz: Wer am trockengefallenen Ufer etwas aus Metall findet, fasst es nicht an, merkt sich die Stelle und ruft die Polizei. Kampfmittel aus den Flüssen sind bis heute scharf.

Gerade vor diesem Hintergrund sind die Hungersteine etwas Besonderes: Sie sind der seltene Fall, in dem ein Fluss bei Niedrigwasser nichts Gefährliches preisgibt, sondern eine Nachricht. Menschen, die vor vierhundert Jahren am selben Ufer standen, haben sie für genau diesen Moment hinterlassen — für den Tag, an dem das Wasser wieder so tief steht wie bei ihnen. Ein Archiv, das sich selbst öffnet, wenn es gebraucht wird.

Was sonst im Elbtal liegt

Das Elbtal zwischen Dresden und der Grenze ist auch abseits der Steine voll dokumentierter Geschichte: Unsere Karte kennt dort 41 benannte Höhlen — vom Diebskeller am Quirl bis zur Eishöhle — dazu Dutzende historische Orte wie die Festung Königstein, den Lilienstein und den Sonnenstein über Pirna. Schau nach, was rund um Pirna dokumentiert ist, oder starte auf der Regionsseite Dresden.

Quellen: Landeshochwasserzentrum Sachsen (Datenblatt Hungersteine und Untiefen) · PEGELONLINE (WSV) · Elleder u. a. 2020, Climate of the Past 16 · dpa/LHWZ vom 9. August 2026. Die Fotos in diesem Beitrag sind KI-Rekonstruktionen, keine Aufnahmen der realen Steine.

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